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Aktuelle Buchempfehlungen

(Empfehlungen in Zusammenarbeit mit den örtlichen Buchhandlungen

Houtermans, Arnsberg und CAB-Bücherstudio, Arnsberg)


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Dezember 2012

Eines Abends in Paris von Nicolas Barreau

Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher von Katharina Mahrenholtz / Dawn Parisi

Das Schneemädchen von Eowyn Ivey

Lola Bensky von Lily Brett

Der grössere Teil der Welt von Jennifer Egan

Oktober 2012

Wald aus Glas von Hansjörg Schertenleib

Wer ist Martha? von Marjana Gaponenko

August 2012

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon?
von Wiglaf (Harry Rowohlt sacht imma: Wiechlaff) Droste

Juli 2012

Der Duft des Regens von Frances Greenslade

Mai 2012

Der größere Teil der Welt von Jennifer Egan

April 2012

Onno Viets und der Irre vom Kiez von Frank Schulz

Mozarts letzte Arie von Matt Beynon Rees

März 2012

Emily, allein von Stewart O'Nan

Februar 2012

Die Tage des Gärtners: Vom Glück, im Freien zu sein von Jakob Augstein

Dezember 2011 > Liste der Buch-Empfehlungen zum Fest 2011 (pdf)

Der Fall Collini von Ferdinand von Schirach

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky

Geisterritter von Cornelia Funke

Ein Königreich für Eljuscha von Uri Orlev

Der Hase mit den Bernsteinaugen von Edmund de Waal

Die Herrlichkeit des Lebens von Michael Kumpfmüller

Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt

Weiskerns Nachlass von Christoph Hein

"Titos Brille" von Adriana Altaras

Oktober 2011

"Machloikes" von Michel Bergmann

September 2011

"Die Teilacher" von Michel Bergmann

Juli 2011

"Damals am Meer" von Marco Balzano

Mai 2011

"November im Frühling" von Mel M. ( Melanie Müller )

Januar 2011

"Die Monkey Wrench Gang" von Edward Abbey

Dezember 2010

"Alphabet meines Lebens" von Juri Rytcheu

"Vergessene Museen. Erzählungen" von Susanne Röckel

"Der Omega-Punkt" von Don DeLillo

"Madalyn" von Michael Köhlmeier

"Das Beste, was wir hatten" von Jochen Schimmang

November 2010

"Zettel's Traum" von Arno Schmidt

Oktober 2010

"Kindheitsroman, Jugendroman, Liebesroman" von Gerhard Henschel

Juli 2010

"Groucho & Marx. Zwei Autobiografien von Groucho Marx" von Groucho Marx

"Lenin kam nur bis Lüdenscheid" von Richard David Precht

März 2010

"Unser Jahrhundert – Ein Gespräch" von Helmut Schmidt / Fritz Stern

Februar 2010

"Maigret" von Georges Simenon

Januar 2010

Radio Heimat von Frank Goosen

Dezember 2009

Der Poesiepfad - Das Buch von der Literarischen Gesellschaft Arnsberg

Eine Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

Das Leben der Wünsche von Thomas Glavinic

Grenzgang von Stephan Thome

Jenseitsnovelle von Matthias Politycki

Der stumme Tod von Volker Kutscher

November 2009

Unser allerbestes Jahr von David Gilmour

Oktober 2009

Unendlicher Spaß von David Forster Wallace

September 2009

Das Orangenmädchen von Jostein Gaarder

Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

Der Psalmenstreit von Maarten t'Hart

August 2009

Ein feiner Herr und ein armer Hund von Adriaan van Dis

Juli 2009

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao von Junot Díaz

Mai 2009

Das Glück in glücksfernen Zeiten von Wilhelm Genazino

November 2003 Liste der Buchempfehlungen Winter 2003
November 2001 Liste der Buchempfehlungen Winter 2001
Dezember 1999 Liste der Buchempfehlungen Weihnachten 1999
Dezember 1998 Liste der Buchempfehlungen Weihnachten 1998


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Eines Abends in Paris von Nicolas Barreau

Buchempfehlungen im Dezember 2012

Eines Abends in Paris von Nicolas Barreau
Alain Bonnard, Besitzer eines kleinen Programmkinos in Paris, das früher seinem Onkel gehörte, ist Nostalgiker aus Überzeugung. In seinem Cinéma Paradis gibt es keine Eimer mit Popcorn, keine XXL-Colabecher, keine Hollywood-Blockbuster. Ein schlechtes Konzept zum Überleben. Doch Alain hält an seinen Qualitätsansprüchen fest. Er möchte Filme zeigen, die Träume schenken, und er mag die Menschen, die in sein Kino kommen. Ganz besonders diese bezaubernde schüchterne Frau im roten Mantel, die jeden Mittwoch erscheint und sich immer in die Reihe 17 setzt. Was für eine Geschichte sie wohl hat?
Eines Abends fasst sich Alain ein Herz und bittet die schöne Unbekannte zum Abendessen. Die zarteste aller Liebesgeschichten bahnt sich an, da passiert etwas, das das Leben des eigenwilligen Kinobesitzers völlig auf den Kopf stellt: Das Cinéma Paradis soll Schauplatz in Allan Woods neuem Film Zärtliche Gedanken an Paris werden. Solène Avril, die Lieblingsschauspielerin des berühmten amerikanischen Regisseurs, kennt das Kino noch aus Kindertagen und hat es sich in den Kopf gesetzt, dort zu drehen. Alain ist völlig überwältigt, als er den kapriziösen Star persönlich kennenlernt. Mit einem Mal stehen das kleine Filmtheater und sein Besitzer im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Der plüschige Kinosaal ist nun jeden Abend ausverkauft.
Doch da ist eine Sache, die denjungen Mann sehr beunruhigt: Die Frau im roten Mantel, von der er nicht viel mehr weiß als ihren Vornamen, ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Zufall? Alain begibt sich auf die Suche und erlebt eine Geschichte, wie sie kein Kino schöner erfinden kann ...

Nicolas Barreau: Eines Abends in Paris , Verlag Thiele & Brandstätter, gebunden, 362 Seiten, 18,-€, ISBN 3-85179-177-0

"Ein herzerwärmendes Buch." Ursula Hoppe (Buchhandlung Houtermans)

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Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher von Katharina Mahrenholtz / Dawn Parisi
Die wichtigsten Werke der Weltliteratur kompakt und mit Witz zusammengefasst. Wo beginnt die Reise zum Mittelpunkt der Erde? Wer redete sich gern mit »Morgen ist auch noch ein Tag« heraus? Für diejenigen, die diese Fragen nicht beantworten können, ist Literatur! Pflichtlektüre. Für diejenigen, die die Antworten auf diese vergleichsweise einfachen Fragen kennen, gibt es darin viel Spannendes zu entdecken. Humorvoll und ansprechend illustriert, vereint dieses Buch übersichtlich die wichtigsten Fakten der Weltliteratur und wird zum treuen Begleiter.
Leseprobe
Katharina Mahrenholtz / Dawn Parisi: Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher , Cadeau-Verlag, Hardcover, 183 Seiten, 19,99€, ISBN 9783455381160

"Selten hat Literaturgeschichte so viel Spaß gemacht." Ingrid Houtermans (Buchhandlung Houtermans)

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Das Schneemädchen von Eowyn Ivey
Alaska, in den 1920er Jahren: Mabel und Jack konnten keine Kinder bekommen. Um den Schmerz und die Enttäuschung hinter sich zu lassen, haben sie an der Zivilisationsgrenze Alaskas ein neues, einfaches Leben als Farmer begonnen. Doch Trauer und der harte Überlebenskampf in der erbarmungslosen Natur schaffen zwischen den beiden, die sich innig lieben, eine scheinbar unüberbrückbare Distanz. Als der erste Schnee fällt, überkommt Mabel für kurze Zeit eine fast kindliche Leichtigkeit. Eine Schneeballschlacht mit Jack entspinnt sich, und sie bauen vor ihrer Hütte zusammen ein Kind aus Schnee. Am nächsten Tag entdecken sie zum ersten Mal das feenhafte blonde Mädchen in Begleitung eines Fuchses, das sie zwischen den Bäumen des Waldes hindurch beobachtet. Woher kommt das Kind? Wie kann es allein in der Wildnis überleben? Und was hat es mit den kleinen Fußspuren auf sich, die von Mabels und Jacks Blockhaus wegführen? «Dieses Buch ist pure Magie, von Deckel zu Deckel durchwoben mit der kalten Schönheit der Wildnis Alaskas. Eowyn Ivey erzählt mit der fesselnden Zartheit des Schneefalls, den sie so wunderbar beschreibt.» (Ali Shaw in der Beschreibung des Verlages).
Leseprobe
Eowyn Ivey: Das Schneemädchen, Kindler-Verlag, Hardcover, 464 S., 19,95 €, 978-3-463-40621-3

"Eine Geschichte, dessen Schönheit vergleichbar ist mit dem so kurzlebigen filigranen Zauber einer einzelnen Schneeflocke, die leider viel zu schnell dahin schmilzt, sobald sie einen berührt hat." Stefan Wolf (Buchhandlung Houtermans)

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Lola Bensky von Lily Brett
Lola Bensky ist neunzehn, als Keith Moon von The Who vor ihren Augen die Hosen runterlässt und Cher sich ihre falschen Wimpern borgt. Es sind die Sixties, und Lola ist als Reporterin in London und New York unterwegs, um Interviews mit Musikern zu führen. Sie unterhält sich mit Mick Jagger über Sex und Diäten, mit Jimi Hendrix über Mütter, Gott – und Lockenwickler. Ihre Leser sind vermutlich eher an Tratsch interessiert, aber Lola war schon immer etwas unkonventionell. Zum Glück ahnen ihre Eltern nichts davon, dass sie mit Menschen zu tun hat, die mit freier Liebe und Drogen experimentieren. Sie haben das Konzentrationslager überlebt, aber das würde sie ins Grab bringen. Und Lola fühlt sich schon schuldig genug, dass sie Übergewicht hat und keine Anwältin geworden ist. Doch sie ist fest entschlossen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.(aus der Beschreibung des Verlages).
Leseprobe
Lola Bensky: Lily Brett,Verlag Suhrkamp, Gebunden, 302 Seiten, ISBN: 978-3-518-42330-1

"Witzig, lebensklug, tiefsinnig... , ...die Heldin und ihre Geschichte!" Sonja Vieth (Buchhandlung Houtermans)

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Der grössere Teil der Welt von Jennifer Egan
Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein. Jennifer Egan entwirft ein großes Portrait des kulturellen Umbruchs seit dem Ende der Utopien bis zum digitalen Zeitalter und erzählt in wechselnden Perspektiven von Liebe, Freundschaft und Verlust. DER GRÖSSERE TEIL DER WELT reicht von der Musikszene San Franciscos Ende der Siebziger und dem New York der Neunziger bis zur ökologischen Katastrophe der Zukunft und einem verblüffenden Konzert am Ground Zero.
Für ihren Roman erhielt Jennifer Egan den Pulitzer-Preis 2011 und zahlreiche weitere renommierte Auszeichnungen. DER GRÖSSERE TEIL DER WELT wird für das Fernsehen verfilmt, ist in 28 Sprachen übersetzt und international ein Bestseller (aus der Beschreibung des Verlages).
»Jennifer Egan erzählt vom Erwachsenwerden und Altern im digitalen Zeitalter und spürt mit warmherziger Neugier den kulturellen Quantensprüngen unserer Zeit nach.« (Aus der Begründung zum Pulitzer-Preis)
Leseprobe
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt,
Verlag Schöffling, 392 Seiten. Gebunden, € 22,95, ISBN: 978-3-89561-224-4

"Das Lebensgefühl des musikalischen Amerika von den 60ern bis heute - spannend und faszinierend geschrieben." Sonja Vieth (Buchhandlung Houtermans)

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Buchempfehlungen im Oktober 2012

Wald aus Glas von Hansjörg Schertenleib
Die dreiundsiebzigjährige Rentnerin Roberta hat alles verloren. Man hat ihr den Hund genommen und sie in ein Altenheim gesteckt. Doch sie wehrt sich und flieht aus der Schweiz. Sie befreit ihren Hund und macht sich auf den Weg nach Österreich. Sie will nach Jahren der Fremdheit in den Ort ihrer Kindheit zurückkehren, um ihr Leben noch einmal selbst zu bestimmen. Auch die fünfzehnjährige Türkin Ayfer entzieht sich - ihren Eltern, die sie in die Türkei verbannt haben, und den religiösen Vorstellungen ihres Onkels, in dessen Hotel am Schwarzen Meer sie arbeiten muss. Sie will zurück in die Schweiz, um das Leben zu führen, von dem sie träumt.
Hansjörg Schertenleib erzählt von zwei mutigen Frauen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen - und damit Grenzen überwinden, die das Leben ihnen gesetzt hat.
Leseprobe
Hansjörg Schertenleib, Wald aus Glas,
Aufbau Verlag 2012, 285 S., 19,99 €, EAN 978-3-351-03503-7

Empfohlen von Ursula Hoppe (Buchhandlung Houtermans)

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Wer ist Martha? von Marjana Gaponenko
Wer Martha ist, wird hier nicht verraten, aber über Luka Lewadski kann Folgendes berichtet werden: Ornithologe aus der Ukraine und Verfasser der bahnbrechenden Studie Über die Rechenschwäche der Rabenvögel. Über seinen Forschungen ist er in die Jahre gekommen und 96 geworden. Viel Zeit bleibt nicht mehr, sagt der Arzt. Und die will gut genützt sein, sagt sich Lewadski. Also reist er nach Wien, steigt im noblen Hotel Imperial ab und lernt im Fahrstuhl einen Altersgenossen kenne, dem der Lebensfaden auch schon reichlich kurz geworden ist. Wie die beiden Alten aus der Muppet Show in ihrer Loge sitzen die zwei beim Früchte-Wodka in der Hotelbar, kommentieren die Frisuren der Damen, rekapitulieren das mörderische vergangene Jahrhundert und träumen von der Revolution. Und langsam wird Lewadski das Geld zum Sterben knapp.

Wer ist Martha? ist ein wunderbar kühner Roman und ganz großes Kino. Es geht um die Freude am Dasein, die Würde des Menschen, die Liebe zur Schöpfung. Marjana Gaponenko verhandelt diese und selbst die letzten Dinge auf ihre eigene Art: Wer ist Martha? ist ein Roman in Frack und Fummel, so phantastisch und originell, so lebendig und frech, dass sich selbst noch der Tod darüber kaputtlacht.
Hansjörg Schertenleib erzählt von zwei mutigen Frauen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen - und damit Grenzen überwinden, die das Leben ihnen gesetzt hat.
Leseprobe
Marjana Gaponenko, Wer ist Martha?,
Suhrkamp Verlag 2012, 237 S., 19,95 €, EAN 978-3-518-42315-8

Empfohlen von Ursula Hoppe (Buchhandlung Houtermans)

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Buchempfehlungen im August 2012

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser
Ein 14,8 Meter langer Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine sinistre Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum einzigartigen Mikrokosmos des abgeschiedenen Bergdorfs St. Peter am Anger.
Vea Kaiser entfaltet mit Verve, Esprit und unwiderstehlichem Witz die große Geschichte eines kleinen Dorfes und erzählt von einer Familie, die über drei Generationen hinweg auf kuriose Weise der Wissenschaft verfallen ist. Mit dreiundzwanzig Jahren gelingt ihr ein vielstimmiges, herausragendes Debüt.
Leseprobe
Vea Kaiser, Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam
Verlag Kiepenheuer & Witsch, EAN 978-3-462-04464-5, geb., 492 S., 19,99 €

Das ist nicht große Literatur, aber es macht richtig Spaß - beste Unterhaltung!
Beste Grüße, Marcus Houtermans

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Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon?
von Wiglaf (Harry Rowohlt sacht imma: Wiechlaff) Droste

In seinem neuen Buch mit Sprachglossen geht Droste auf Entdeckungsreise zur Wortschatzinsel. Der Firma Schlecker bescheinigt er, dass ihr »ein A und ein r fehlen«, über ihren Werbeslogan »For you. Vor Ort« sagt er: »Dreimal ›or‹ in vier Silben, das klingt nach Mordor und den Orks.« Droste ließ einen »romantischen Fächeraufguss« über sich ergehen, stattete dem Kopf des Bundespräsidenten Wulff einen Besuch ab und hat diese psychedelischen Erlebnisse genauso überlebt wie das »Multitasking im Rollkofferkrieg«. Er drang in die »Schnitt-stellenkultur« ein und beschreibt das »Essen beim Betrachten von Frauen auf Laufbändern«. Warum tut der Mann das? Einer dieser grässlichen Sprachschützer ist er nicht, das steht fest.
»Sprichst du noch oder kommunizierst du schon?« ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Liebe und Schönheit in Sprache und Leben, gegen »i-Petting« mit »Benutzeroberflächen« und für den »Floralverkehr«.
Leseprobe
Sprichst du noch, oder kommunizierst du schon? Wiglaf Droste,
edition TIAMAT, ISBN 978-3-89320-165-5, 14,00 €

Neue Sprachglossen, die wir wie auch alle anderen Droste-Werke sehr empfehlen können. Beste Grüße, Marcus Houtermans

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Buchempfehlungen im Juli 2012

Der Duft des Regens von Frances Greenslade
In den Wäldern im Westen Kanadas ist die Welt noch in Ordnung - zumindest für die Schwestern Maggie und Jenny. Sie lieben ihre Ausflüge zu den Seen, sammeln Pilze und Beeren, die Eltern spielen abends Karten. Doch Maggie ist eine geborene "Sorgenmacherin", sie kann nicht anders, sie fürchtet um das Wohl ihrer Liebsten. Als der Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, fühlt sie sich in ihren tiefsten Ängsten bestätigt, schlimmer noch: Es scheint sich die im Dorf vorherrschende Überzeugung zu bewahrheiten, dass ein Unglück selten allein kommt. Auf der Suche nach einem Lebensunterhalt lässt die Mutter die Mädchen bei einer fremden Familie zurück, vorübergehend, sagt sie. Doch die Tage werden zu Wochen, Wochen zu Monaten und dann zu Jahren - Irene bleibt verschwunden. Schließlich macht Maggie sich auf, die Mutter zu finden. Ihre Reise führt sie in Irenes Vergangenheit, bis an die Küste, zu einem alten Boot namens "Elsa"...
Leseprobe
Der Duft des Regens, Frances Greenslade, ISBN 978-3-86648-176-3

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Buchempfehlungen im Mai 2012

Der größere Teil der Welt von Jennifer Egan
Bennie Salazar, ein Musikproduzent mit Visionen, hat Höhen und Tiefen erlebt. Auch seine Assistentin Sasha hat Probleme, von denen er allerdings nichts ahnt. Als Scotty, der Leadgitarrist von Bennies einstiger Punkband, überraschend wieder auftaucht, holt die Vergangenheit beide ein. Jennifer Egan entwirft ein großes Portrait des kulturellen Umbruchs seit dem Ende der Utopien bis zum digitalen Zeitalter und erzählt in wechselnden Perspektiven von Liebe, Freundschaft und Verlust. Der größere Teil der Welt reicht von der Musikszene San Franciscos Ende der Siebziger und dem New York der Neunziger bis zur ökologischen Katastrophe der Zukunft und einem verblüffenden Konzert am Ground Zero. Für ihren Roman erhielt Jennifer Egan den Pulitzer-Preis 2011 und zahlreiche weitere renommierte Auszeichnungen. Der größere Teil der Welt wird verfilmt, ist in 28 Sprachen übersetzt und international ein Bestseller (Verlagsbeschreibung).
"Jennifer Egan erzählt vom Erwachsenwerden und Altern im digitalen Zeitalter und spürt mit warmherziger Neugier den kulturellen Quantensprüngen unserer Zeit nach."
(Aus der Begründung zum Pulitzer-Preis)
Leseprobe
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt, Verlag Schöffling & Co., ISBN 9783895612244

Ich würde Ihnen hiermit gerne noch ein besonderes Buch ans Herz legen. Dieses Buch hat mich wirklich gepackt. Jennifer Egan vermittelt das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Es entsteht ein "Lese-Sog", dem man sich nur schwer entziehen kann.
Sonnige Grüße, Sonja Vieth (Buchhandlung Houtermans)

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Jennifer Egan
Buchempfehlungen im April 2012

Onno Viets und der Irre vom Kiez von Frank Schulz
Was passiert, wenn einer wie Onno Viets zum ersten Mal in seinem Leben eine richtig gute Idee hat? Onno, Mitte 50, Hartz-IV-Empfänger, Noppensockenträger und ungeschlagener König einer Hamburg-Eppendorfschen Ping-Pong-Runde, bekennender Nicht-Schwitzer, leicht phobisch, hat das Finanzamt im Nacken, den Geburtstag seiner Frau Edda vor Augen und eine Eingebung aus dem Fernsehen: Er wird Privatdetektiv!
Seine geplagten Freunde vom Tischtennis ahnen Ungutes. Aus langjähriger Erfahrung. Dennoch verhilft einer von ihnen Onno zu seinem ersten Fall: Der Popmagnat Nick Dolan argwöhnt Untreue seiner aktuellen Flamme, Onno soll ein Beweisfoto von ihr und dem Liebhaber liefern. Und Onno hat Glück, schon bald wird er Dolans Nebenbuhler ansichtig. Allerdings ist der Kerl mit dem Spitznamen "Händchen" nicht nur zwei Meter groß und 130 Kilo schwer - er ist auch die unberechenbare, gefürchtete rechte Hand eines Hamburger Kiez-Oligarchen. Onno schafft es nicht, den Fall wieder abzugeben, und muss die beiden bis nach Mallorca verfolgen. Dort setzt sich fort, was begann, als einer wie Onno mal eine richtig gute Idee hatte: Der Sog der Katastrophe beschleunigt sich rasend…
Was passiert, wenn ein Autor wie Frank Schulz zum ersten Mal in seinem Leben seine wild wuchernde Phantasie und Sprachlust mit der spannungsgeladenen Handlung eines Thrillers kombiniert? - Schafft der Leser nicht, das Buch rechtzeitig zuzuschlagen, wird er hineingerissen in einen Strudel aus Verrat und aberwitzigen Dialogen, Hochspannung und unvergesslichen Figuren, Situationskomik und abgründigen Milieustudien.
(Buchbeschreibung des Verlages)
Leseprobe
Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez, Verlag Galiani Berlin (K&W), geb., 368 S., 19,99 €, EAN 978-3-86971-038-9
Dieses Buch kann ich ganz besonders empfehlen! Beste Grüße, Marcus Houtermans

Auch als Hörbuch erhältlich; Frank Schulz liest mit Gästen: Harry Rowohlt, Rocko Schamoni, Karen Duve, Jan-Georg Schütte und Tina Kemnitz. Tacheles/ROOF, 1 CD, Jewelcase, 14,95 €, EAN 978-3-941168-96-1

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Mozarts letzte Arie von Matt Beynon Rees
Wien 1791. Vor sechs Wochen hat Wolfgang Amadeus Mozart den Verdacht geäußert, vergiftet worden zu sein. Nun, am 5. Dezember, ist er tot, Diagnose: "hitziges Frieselfieber".
Fast vierzig Jahre später überreicht seine Schwester "Nannerl" ihrem Neffen Franz Xaver, Mozarts Sohn, das Tagebuch einer Reise nach Wien kurz nach Mozarts Tod. Es erzählt die Geschichte ihrer Suche nach der Wahrheit, die sie in die Salons des Wiener Hochadels, in Geheimlogen und Konzertsäle, Palais und Opernsäle führt und mit den Komplotten österreichischer und preußischer Geheimdienste konfrontiert. Im Zentrum steht Mozarts letzte Oper Die Zauberflöte, die den Schlüssel für das Geheimnis um Mozarts Tod enthalten mag.
Ein spannend geschriebener, atmosphärisch dichter Krimi um Verbrechen, Wahrheit und Lüge, Sehnsucht und das ewige Band der Geschwisterliebe.
(Buchbeschreibung des Verlages)
Leseprobe
Matt Beynon Rees, Mozarts letzte Arie, ISBN 978-3-406-62994-5, 17,95 €, C.H. Beck
empfohlen von Sonja Vieth, Buchhandlung Houtermans

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Buchempfehlungen im März 2012

Emily, allein von Stewart O'Nan
O'Nan bringt das einfühlsame Porträt der Rentnerin Emily, die am Ende ihres Lebens einen Neuanfang wagt.
"In unprätentiösem Stil wird ein Leben abseits großer Wellen anrührend literarisch nobilitiert." Frankfurter Rundschau
"Dem einfachen Reiz dieses bewegenden Romanes kann man sich nicht entziehen." FAZ
"Selbst wenn man keine alte Dame ist, es auch nie sein wird, sind Emilys Hoffnungen und Ängste identisch mit denen, die man selber hegt. Der Roman lässt einen einfach nur begeistert sein." The Washington Post
"In ‹Emily, allein› liegt die Melancholie des Alters über den Szenen, fein abgestimmt und mit zärtlicher Ironie." Der Spiegel
Leseprobe /// Buchbeschreibung des Verlages...
O'Nan, Stewart: Emily, allein ; ISBN 9783498050399 ; € 19,95
empfohlen von Ingrid Houtermanns

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Buchempfehlungen im Februar 2012

Die Tage des Gärtners: Vom Glück, im Freien zu sein von Jakob Augstein
Das Wesentliche meiner Leserinnen-Meinung gleich vorweg: ein Gartenbuch ist das nicht! Also nicht in dem Sinn, dass der Gartenfreund systematische Tipps zu Pflanzen, zu Standorten, zum Wässern, Schneiden, Düngen oder gar zur Anlage eines schicken Gartens und farbharmonischer Rabatten bekäme. Ganz im Gegenteil: Schickes und Modisches und Lifestyle bedenkt der Verfasser Jakob Augstein eher mit hintergründigem Spott. Und statt Systematik schenkt er uns, lediglich geordnet durch den Gang durch die Jahreszeiten, schlendernde Spaziergänge durch die Botanik ebenso wie durch Kulturgeschichte und Literatur, präsentiert auch gänzlich unerwartete Assoziationen zu Kinderbüchern und Popmusik sowie eine Menge von Erfahrungen, die er mit seinem eigenen Stadtgarten gemacht hat. Auf Grund dieser Erfahrungen gibt er uns, den Lesern, eine Fülle wichtiger Tipps - aber Vorsicht: nicht selten sind diese von durchtriebener Ironie!
Genau diese Mischung ist es, die mir an diesem Buch so gefällt. Denn wer sich mit Begeisterung an einem Garten abarbeitet, der braucht nicht nur Kenntnisse und nicht nur Ratschläge, sondern genau diese heitere Gelassenheit, mit der man im Zweifelsfall auf alle klugen Tipps pfeift, weil die Natur tendenziell ohnehin macht, was sie will. Manchem "Naturfreund" wird vielleicht Augsteins Grundthese, dass ein Garten ein künstlicher, kein natürlicher Ort sei, nicht gefallen; dennoch denke ich: Wer die Bücher von Jürgen Dahl mochte, der wird auch an diesem seine Freude haben.
Daher mein Rat an alle Gartenfreaks und solche, die es werden wollen: Warten Sie nicht auf den Frühling, um dieses Buch zu lesen; im Frühling müssen Sie raus an die Arbeit, da hat man keine Zeit mehr für die Bücher. Lesen Sie es jetzt gleich, es ist köstlich unterhaltsam!
Leseprobe
Jakob Augstein, Die Tage des Gärtners: Vom Glück, im Freien zu sein,
ISBN 978-3446238756 , 17,90 €
empfohlen von Heike Wiegand-Baumeister

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Buchempfehlungen im Dezember 2011

Der Fall Collini von Ferdinand von Schirach
Schirachs Romandebüt -spannend und mitreißend von der ersten bis zur letzten Seite
Vierunddreißig Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint. Der junge Anwalt Caspar Leinen bekommt die Pflichtverteidigung in diesem Fall zugewiesen. Was für ihn zunächst wie eine vielversprechende Karrierechance aussieht, wird zu einem Alptraum, als er erfährt, wer das Mordopfer ist: Der Tote, ein angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes. In Leinens Erinnerung ein freundlicher, warmherziger Mensch. Wieder und wieder versucht er die Tat zu verstehen. Vergeblich, denn Collini gesteht zwar den Mord, aber zu seinem Motiv schweigt er. Und so muss Leinen einen Mann verteidigen, der nicht verteidigt werden will. Ein zunächst aussichtsloses Unterfangen, aber schließlich stößt er auf eine Spur, die weit hinausgeht über den Fall Collini und Leinen mitten hineinführt in ein erschreckendes Kapitel deutscher Justizgeschichte ...
Leseprobe
Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini (Piper), ISBN: 978-3-492-05475-1, Preis: 16,90 €
empfohlen von Christoph Volmert, CAB-Bücherstudio

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Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky
… "Giraffen mit kurzen Hälsen und eine Schule ohne Kinder: drei Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin - die letzte ihrer Art." Suhrkamp-Verlag

- Bestechend klare Gedankengänge der Hauptfigur, die sich über rationale Vorgänge und die daraus entstehenden Schlussfolgerungen bewusst ist - sowohl in Privatem als auch Beruflichem, in ihrer Gefühlswelt jedoch teilweise orientierungslos und durch diverse Lebensumwälzungen nach Werten und Beständigem sucht, wo durch sie Halt und Lebensmut zu finden hofft. - Durch das Zusammenspiel der erzählten Geschichte, der Illustrationen und des eingestreuten Fachwissens der Autorin erhält der Roman auch eine künstlerische und eine naturwissenschaftliche Komponente. -Stefan Wolf
Leseprobe
Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe (Suhrkamp)
empfohlen von Stefan Wolf, Buchhandlung Houtermans

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Geisterritter von Cornelia Funke
… (Kinder -und Jugendbuch) die Geschichte um einen Jungen der in einem Internat in Salisbury einem ungesühnten lange zurückliegenden Verbrechen eines Lords auf die Spur kommt und sogar darauf, dass er selbst, unwissentlich, die damit verbundenen Geister zum Erscheinen gebracht hat. Um sich gegen sie zu wehren benötigt er Hilfe - die Hilfe eines noch viel älteren Geistes…
Cornelia Funke schafft eine märchenhaft schaurig-schöne Atmosphäre in der Sagengestalten der englischen Ritterzeit sowie historische Fakten zu einer abenteuerlichen Geschichte verwoben werden. - Stefan Wolf
Leseprobe
Funke, Cornelia: Geisterritter (Dressler)
empfohlen von Buchhandlung Houtermans

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Ein Königreich für Eljuscha von Uri Orlev
… autobiographische Familiengeschichte - nicht nur für Jugendliche. - 1941-1944: Ein Dorf in der Steppe von Kasachstan wird zum Zufluchtsort und Kindheitsparadies für den jüdischen Jungen Eljuscha. Dieses Buch ist hervorragend übersetzt von Mirjam Pressler, die seinen Bestseller Lauf, Junge, lauf (Beltz & Gelberg) in unserer Buchhandlung vorgestellt hat. - Für alle begeisterten Leser von Aitmatow und Rytcheu.
Leseprobe
Orlev, Uri: Ein Königreich für Eljuscha (Beltz & Gelberg)
empfohlen von Buchhandlung Houtermans

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Der Hase mit den Bernsteinaugen von Edmund de Waal
… "Paris-Wien-Odessa: Die Ephrussi zählten zu den vermögensten und einflussreichsten Familien Europas. Ein Nachfahre erzählt ihre dramatische Geschichte." Zsolnay-Verlag. Ein besonderer Tipp für Proust-Interessierte!
… "Edmund de Waals "Der Hase mit den Bernsteinaugen" ist nicht nur das Buch des Jahres, sondern das des Jahrzehnts …" Times Literary Supplement
Leseprobe
de Waal, Edmund: Der Hase mit den Bernsteinaugen (Zsolnay-Verlag)
empfohlen von Buchhandlung Houtermans

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Die Herrlichkeit des Lebens von Michael Kumpfmüller
… ein Blick in Franz Kafkas letztes Lebensjahr, „überraschend hell, fast heiter“ – „Ein feinsinniger, kenntnisreicher und tief anrührender Roman über die Liebe, das Schreiben und den Tod.“ KiWi-Verlag
Leseprobe
Kumpfmüller, Michael: Die Herrlichkeit des Lebens (Verlag: Kiepenheuer & Witsch)
empfohlen von Stefan Wolf, Buchhandlung Houtermans

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Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt
… über das Leben von Frauen heute, von der Geburt über den Sexus bis hin zum Tod. So erfrischend, so komisch kann Beziehungsanalyse sein – ganz ohne Männer. „Die intellektuelle Demut und Wissbegier sind Siri Hustvedts Schwestern.“ Die Zeit
Leseprobe
Hustvedt, Siri: Der Sommer ohne Männer (Rowohlt)
empfohlen von Stefan Wolf, Buchhandlung Houtermans

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Weiskerns Nachlass von Christoph Hein
… „Ob am Rande der bundesrepublikanischen Gesellschaft oder in deren finanzkräftigen Kreisen, ob bei den sozial ausgeschlossenen Kids oder den chancenlosen Akademikern – der hellsichtige Zeitdiagnostiker Christoph Hein entwirft in seinem neuen Roman ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen.“ Suhrkamp-Verlag
Leseprobe
Hein, Christoph: Weiskerns Nachlass (Suhrkamp)
empfohlen von Stefan Wolf, Buchhandlung Houtermans

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Titos Brille von Adriana Altaras
…mit furiosem Witz und großer Wärme verwebt die Autorin Episoden aus ihrem herrlich chaotischen unorthodoxen Alltag in Berlin. „Wie frisch und wie mitreißend, wie unverbraucht und wie eigenwillig entfaltet Adriana Altaras ihre atemberaubend ereignisreiche Familiengeschichte.“ Ijoma Mangold, Die Zeit
Leseprobe
Altaras, Adriana: Titos Brille (Kiepenheuer & Witsch)
empfohlen von Stefan Wolf, Buchhandlung Houtermans

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Buchempfehlung im Oktober 2011

Machloikes von Michel Bergmann
Michel Bergmann wurde 1945 als Kind jüdischer Eltern in einem Schweizer Internierungslager geboren. Nach einigen Jahren in Paris zogen die Eltern nach Frankfurt am Main. Nach seiner Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau arbeitete er als freier Journalist. Er entdeckte seine Liebe zum Film und war u.a. als Autor, Regisseur und Produzent tätig. Seit über 15 Jahren schreibt er Drehbücher für Film und TV. Die Teilacher ist sein erster Roman, nun folgt die Fortsetzung: Machloikes (Machloike, aus dem Jiddischen: Durcheinander; Zwiespalt; Zwist; Ärger)

Frankfurt 1953: die Teilacher haben sich eingerichtet. Alfred schwingt sich auf sein Rad, und Fränkel kriegt Machloikes* … Acht Jahre nach dem Krieg beginnen die Wunden zu vernarben. Es gibt die Bundesrepublik Deutschland, einen volkstümlichen Präsidenten und einen scharfkantigen Kanzler. Und es gibt die wuseligen Teilacher, die jüdischen Handelsvertreter, die nach wie vor von Tür zu Tür ziehen. Manche von ihnen sind allerdings sesshaft geworden: Robert Fränkel zum Beispiel, die Berliner Stimmungskanone, hat geheiratet und sich mit einem Teppichladen selbstständig gemacht. Der 14-jährige Alfred erlebt sein höchstes Glück, als er sein neues, hellblau blitzendes Rennrad aus dem Laden in die Sonne schiebt - um es stolz seiner heimlichen Liebe Juliette zu präsentieren. Das Leben ist schön. Doch dann wird Fränkel von einem CIA-Beamten vorgeladen. Er soll erklären, warum sein Name in so vielen Akten der SS auftaucht. Dabei hat Fränkel doch nur Witze erzählt - die allerdings so gut waren, dass er einige davon Adolf Hitler beibringen sollte. Und damit fangen die Machloikes* an …
(Quelle: Presseinformation Arche Literatur Verlag AG, Niederlassung Hamburg)

Michel Bergmann, Machloikes, ISBN 978-3-7160-2666-3, 330 S., 19,90 €, geb., Arche Literatur Verlag Zürich und Hamburg
Beste Grüße, Marcus Houtermans

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Buchempfehlung im September 2011

Die Teilacher von Michel Bergmann
Frankfurt am Main, 1946. Ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter sind sie gekommen.
1972, David Bermann, der "Einstein unter den Teilachern", ist tot. 75. Ist doch kein Alter. Es ist der 11. Januar, als sich Verständig, Fajnbrot und Szoros in ihrem Stammcafé einfinden, nachdem sie David im strömenden Regen beerdigt haben. Man redet natürlich über alte Zeiten. Gebannt lauscht der junge Alfred Kleefeld den Geschichten der alten Männer nach der Beerdigung seines Onkels. Am Ende erfährt Alfred von einer wunderbaren Liebesgeschichte in dunklen Zeiten und von einem Geheimnis, das sein Leben für immer verändern wird.
1946, Frankfurt am Main. Sie hausen in ausrangierten Güterwaggons, in Kellern, halben Ruinen, ehemaligen Krankenhäusern. Die Treppen baufällig, die Nachbarn grimmig. Das politische Klima frostig, der Blick in die Zukunft schemenhaft. David Bermann, Jossel Fajnbrot, Emil Verständig, Moische Krautberg, Max Holzmann und die anderen, sie sind zurückgekehrt. Wie ist es ihnen ergangen? Fast alle waren aus den Lagern gekommen, oft als einzig Überlebende in ihrer Familie. Doch jetzt ist Aufbruch angesagt: Bei Eis und Schnee, bei Regen und Sonnenschein, mit Citroën und Horch, mit Volkswagen, Opel und Tempo-Dreiradpritsche sind sie Tag für Tag unterwegs, um allerlei Dinge zu verkaufen. Wie viel Kraft hat es gekostet, wieder an Liebe, Nestbau und Zukunft zu glauben?
"Michel Bergmann erzählt in diesem berührenden, zugleich humorvollen Roman, was sie, die Teilacher, aus ihrem Leben gemacht haben und wie sie sich mit viel Chuzpe durch die wilden Jahre kämpften." (Verlagsinformation)
"Michel Bergmann erzählt in seinem anrührenden Buch von Menschen, die sich in harten Zeiten durchgeschlagen haben und die versuchten, ihrem verlorenen Leben wieder einen Sinn zu geben. Ein außergewöhnlicher Roman, dramatisch, bitter und voll liebenswertem Humor." (Senta Berger)

Michel Bergmann: Die Teilacher, Arche Literatur Verlag, Zürich-Hamburg 2010, 288 Seiten, 19,90 EUR, Hier finden Sie eine Leseprobe....
Beste Grüße, Marcus Houtermans

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Buchempfehlung im Juli 2011

Damals am Meer von Marco Balzano
Drei Männer in einem Auto, drei Generationen auf einer Reise quer durch Italien. Nicola und sein Vater haben sich breitschlagen lassen, Großvater Leonardo zu begleiten, um die Wohnung am Meer zu verkaufen, drunten in Apulien, wo schon lange keiner mehr war. Das sind sie dem Großvater schuldig, der "groß und stark wie ein Krieger", Analphabet und Kommunist, alle Kinder und Enkel der süditalienischen Familie erzogen hat, die der Arbeit wegen in den Norden gezogen ist. Doch jetzt scheint die Familie auseinanderzufallen, und für jeden stellt sich die Frage: wo bin ich wirklich zu Hause? Widerwillig machen sich Großvater, Vater und Sohn gemeinsam auf den Weg, jeder erfüllt von seinen ganz eigenen Erinnerungen. Für Nicola ist "la casa al mare" das Feriendomizil, der Ort der ersten Liebschaften, für den Vater die Erinnerung an seine Jugend, für Nonno Leonardo die Heimat, in die doch alle einmal zurückkehren wollten, das letzte gemeinsame Bindeglied. Drei Generationen, die sich erinnern, drei Sprachen, um das Italien von gestern und heute zu erzählen, den Krieg und den politischen Kampf, die Emigration und den Verlust der Wurzeln, den Wunsch, neu aufzubrechen und einen Ort zu finden, an dem man bleiben will. (aus dem Klappentext)
Marco Balzano wurde in Mailand geboren, wo er Italienische Literatur unterrichtet. Er schreibt für Zeitschriften und hat bereits einen Gedichtband veröffentlicht. "Damals am Meer" ist sein erster Roman.

Marco Balzano, Damals am Meer, Antje Kunstmann Verlag 2011, 222 S., 17,90 €, ISBN 978-3-88897-726-8
Beste Grüße, Marcus Houtermans

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Buchempfehlungen im Mai 2011

November im Frühling von Mel M. ( Melanie Müller )
"Oft haben wir Menschen verlernt auf die Sprache unserer Seele zu hören, sie überhaupt wahrzunehmen. Eine Leistungsgesellschaft, in welcher essentielle Bedürfnisse auf der Strecke bleiben, persönliche, echte Kommunikation durch Chatrooms, eine illusionäre Scheinwelt, ersetzt wird. Die Menschen verlieren jegliche Beziehung zu einander, aber vor allen Dingen zu sich selbst. Wir Menschen sind keine leblose Materie aus Bits und Bytes, wir besitzen eine Seele … Unsere Seele ist der Ort unserer innersten Regungen und Empfindungen. Auch wenn wir verlernt haben ihre Sprache wahrzunehmen, zu verstehen, gibt es immer wieder Situationen, einschneidende Erlebnisse in unserem Leben, wie der Tod eines nahe stehenden Menschen, welche uns im tiefsten Inneren anrühren, berühren und wir aufgrund der einhergehenden starken und intensiven Gefühle, unserer Seele, uns selbst, nahe kommen. Seitdem ich mich auf die Sprache meiner Seele, mein Innerstes eingelassen habe, ist mein Leben reicher und erfüllter geworden, als ich je zuvor geahnt hätte. Ich möchte mit meinem lyrischen Textband Mut machen, in seine ureigenste Welt, seine Seele einzutauchen, seine Gefühle wahrzunehmen und sie zu leben."

November im Frühling, Autor: Mel M., Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Hardcover, 43 Seiten, 10,50 €
Empfohlen von Alexandra Heiland-Kremer (aus der Ankündigung des Verlages)

Rezension zu Mel Ms Gedichtband "November im Frühling. Wenn deine Seele spricht"
"Schreiben heißt seine Seele waschen." Liest man in Mel Ms Gedichtbändchen "November im Frühling", so könnte man glauben, Thomas Mann habe diese Texte gekannt. Nicht nur formuliert die Autorin dieses Motiv ausdrücklich, wenn sie schreibt: "Ich möchte […] Mut machen, in seine ureigenste Welt, seine Seele einzutauchen […]", sondern sie skizziert auch in ihren "lyrischen Texten" Seelenlandschaften auf ganz unterschiedliche Weisen: knappe Beschreibungen und eindrucksvolle Stimmungsbilder ergänzen sich wirkungsvoll, "Ein Weg" und "November im Frühling" . Mel M verzichtet dabei weitgehend auf traditionelle lyrische Formmerkmale, was die Lyrik mitunter etwas spröde wirken und die sprachlichen Bilder etwas verschwommen wirken lässt. Auf der anderen Seite spricht gerade deshalb aus ihren Versen Authentizität. Die Bilderwelt der Autorin enthält so immer wieder Leerstellen, die dem Leser vielfältige Identifikationsangebote bieten und den Band für viele, auch junge Leser, interessant und attraktiv machen. Ihr gelingt in vielen Texten das, was der französische Romancier Stendhal einmal als die große Kunst des Liebesgedichtes beschworen hat:
Es ist nötig, "daß man ausspricht, was der Zauber des Augenblicks erfordert, in anderen Worten: daß man seinem Herzen folgt. Man wähne nicht, das sei leicht."
In diesem Sinne: viel Spaß bei der Lektüre.
Rezension: Dr. Markus Meik

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Buchempfehlungen im Januar 2011

Die Monkey Wrench Gang von Edward Abbey
"…. Der 2009 gegründete Schweizer Verlag Walde + Graf hat Abbeys "Monkey Wrench Gang" nun auf Deutsch vorgelegt, wie in der amerikanischen Ausgabe von Robert Crumb bebildert. Die herrlich verschrobenen Karikaturen führen von Anschlag zu Anschlag der Öko-Guerillas, die als Meisterstück von der Sprengung des Glen-Canyon-Staudamms in Arizona träumen. Geübt wird vorerst an Eisenbahnstrecken und Brücken - der Schraubenschlüssel weicht Dynamit. Zu Personenschäden kommt es dennoch nie, so weit reicht die Nächstenliebe der Umweltpatrioten ("Gott schütze Amerika. Lasst uns versuchen, etwas davon zu retten") dann doch.
Edward Abbeys "Monkey Wrench Gang" bemüht, gebrochen durch beißenden Humor, vor allem die archaischen Gesellschaftsmythen der USA: Landnahme, Pioniergeist und Patriotismus. All seinen Charakteren, die von einem wild gewordenen Mormonenbischof über einen selten dämlichen Parkranger bis hin zu den vier Saboteuren reichen, bleiben diese Motive eingeschrieben. Auch die in die Reservate eingezwängten Indianer der Region dürfen lautstark am ökologischen Freiheitsdrang der Störaktionen teilnehmen. …." (Jan Scheper, taz 08./09.01.2011, S.12)
"Seit der Veröffentlichung von The Monkey Wrench Gang im Jahr 1975 ist Mr. Edward Abbey ein Held des Underground", schrieb die New York Times. Und das ist nur allzu verständlich. Denn auch jeder, der Abbeys schräge Heldengeschichte heute liest, wird insgeheim den Wunsch verspüren, der guten Sache wegen irgendetwas in die Luft jagen zu wollen. Ganz so wie Bonnie Abbzug, Seldom See Smith, Doc Sarvis und George Washington Hayduke es tun: Abbeys sympathische Saboteure, die mit Unmengen Dynamit und viel Leidenschaft die Projekte derer in Schutt und Asche legen, die die Natur im großen Stil ausbeuten und zerstören. Dass Robert Crumb diese Buch illustriert hat, ist ein Glücksfall. Seine Bilder machen aus einer sehr guten Geschichte ein Meisterwerk - und man darf es wohl sagen - ein Kultbuch, das sich niemand entgehen lassen sollte.
Das Buch wurde folgerichtig gerade im Wettbewerb "Die schönsten deutschen Bücher" der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.

Edward Abbey, Die Monkey Wrench Gang,Roman, illustriert von Robert Crumb, Verlag Walde + Graf, Zürich 2010, 472 S., 24,95 €
Eine Empfehlung von Markus Houtermans

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Buchempfehlungen im Dezember 2010

Alphabet meines Lebens von Juri Rytcheu
In einem großen Bilderbogen erzählt Juri Rytcheu sein Leben. Geboren in einer traditionellen Fellhütte am Polarkreis, geht er seinen Weg und bewahrt sich immer den wachen, heiteren, ironischen Blick auf die seltsamen Gebräuche der "zivilisierten" Welt. Noch nie hat Juri Rytcheu so persönlich, verschmitzt und anrührend von dem erzählt, was ihm, dem Tschuktschen aus dem äußersten Winkel Asiens, auf seiner Lebensreise widerfuhr. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2008 hat er diesen Rückblick auf sein Leben abgeschlossen.
Juri Rytcheu wurde 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uelen auf der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens geboren. Der erste Schriftsteller dieses Volkes mit zwölftausend Menschen wurde mit seinen Romanen und Erzählungen zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur.

Aus dem Russischen von Antje Leetz, Unionsverlag Zürich 2010, 379 S., 22,90 €
Eine Empfehlung von Ingrid Houtermans

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Vergessene Museen. Erzählungen von Susanne Röckel (Die Andere Bibliothek/Eichborn)
In Susanne Röckels "Vergessene Museen" geht um sechs miteinander verwandte Geschichten mit sechs fragewürdigen Helden. Stets kommen Museen darin vor. Es ist ein Erzählband, der es in sich hat. Geschrieben in einer Sprache von nahezu klassischer Eleganz, führt er den Leser sechsmal schleichend fort vom stabilen Boden, hinein in unheimliches Gelände, wo die Koordinaten des zivilisierten Lebens sich auflösen und namenlose Abgründe einen Sog auf Menschen ausüben, die zuvor befestigte Existenzen schienen. Wie eine Infektion kommt der Virus der Unwirklichkeit über Röckels Figuren und entrückt sie ihrer Alltagsroutine: "Seit Wochen gelinge es ihm nicht mehr, an die Dinge zu glauben, die sein Leben ausmachten. Es komme ihm vor, als wäre er Darsteller in einem Film, als würde er von unbekannten Kräften gelenkt. Alles sei starr und leer, leblos, bis ins kleinste von etwas Schrecklichem, Namenlosen beherrscht, das Ende unausweichlich." So könnten alle Hauptfiguren dieser Erzählungen sprechen.
Röckels Geschichten bieten jedoch keine auflösbaren Allegorien, vieles bleibt rätselhaft, auch wenn die Sprache sich nie im Nebulösen verliert. Im Gegenteil: Die Autorin stellt lupenscharfe Formulierungskraft unter Beweis, ihre kunstvoll geschriebene Prosa verfügt zudem über komische Untertöne, die im Kontrast zu den düsteren Mythisierungen stehen. Das Wort "Zauber" stellt sich nicht zufällig ein: Die "Vergessenen Museen", von denen Susanne Röckel erzählt, sind magische Orte - von Traumwirklichkeiten, von fiktiven Personen und Begebenheiten erfüllt - und dennoch weit entfernt von der surrealen Künstlichkeit, in der so oft ach so böse Klaustrophobien heimsuchen. Im Gegenteil: Die Autorin berichtet von Dimensionen der Freiheit, von denen wir wahrscheinlich nichts ahnten. Die Lektüre von Susanne Röckels Romanen und Erzählungen ist immer eine Wanderung zwischen zwei Wirklichkeiten: die des Wachens und die des Traumes - und wir können niemals ganz sicher sein, in welcher wir uns gerade aufhalten. Die Geschichten führten an Orte jenseits der gewohnten Landkarten, lesen wir. Orte, die manchmal von Geschichte heimgesucht wurden, oder über die die Zivilisation schlicht hinweg geschritten ist. Diese geografische und historische Leere oder ein kollektives Vergessen machen stets den essentiellen Kern der Texte aus, von denen jeder in ein Museum und zu einem Exponat führt. Und in neue Dimensionen der Freiheit.
Die "Vergessenen Museen", von denen Susanne Röckel erzählt, sind magische Orte - von Traumwirklichkeiten, von fiktiven Personen und Begebenheiten erfüllt - und dennoch weit entfernt von der surrealen Künstlichkeit, in der so oft ach so böse Klaustrophobien heimsuchen. Im Gegenteil: Die Autorin berichtet von Dimensionen der Freiheit, von denen wir wahrscheinlich nichts ahnten. Die Lektüre von Susanne Röckels Romanen und Erzählungen ist immer eine Wanderung zwischen zwei Wirklichkeiten: die des Wachens und die des Traumes - und wir können niemals ganz sicher sein, in welcher wir uns gerade aufhalten. Die Geschichten führten an Orte jenseits der gewohnten Landkarten, lesen wir. Orte, die manchmal von Geschichte heimgesucht wurden, oder über die die Zivilisation schlicht hinweg geschritten ist. Diese geografische und historische Leere oder ein kollektives Vergessen machen stets den essentiellen Kern der Texte aus, von denen jeder in ein Museum und zu einem Exponat führt. Und in neue Dimensionen der Freiheit.

Susanne Röckel, Vergessene Museen. Erzählungen, Die Andere Bibliothek im Eichborn-Verlag, Frankfurt/Main 2009, 306S., 28 EURO
Rezensiert von Dr. Markus Meik

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Der Omega-Punkt von Don DeLillo (Kiepenheuer & Witsch)
In seinem großartigen Roman "Der Omega-Punkt" schickt Don DeLillo einen Gelehrten auf Sinnsuche in die Wüste. Im Museum of Modern Art in New York betrachtet ein Mann eine Installation: Hitchcocks "Psycho", verlangsamt auf eine Spielzeit von 24 Stunden. Und er betrachtet zwei Männer, einen älteren, einen jüngeren, die sich die Installation anschauen. Schnitt.
Das Licht und der Schatten, der geduldige, lauernde Blick und das zunehmende Gefühl einer latenten Bedrohung; die tiefsitzende Angst und der Tod, der Raum und die epochale, alles verschlingende Zeit: In dem zwölfseitigen Prolog, mit dem DeLillo seinen meisterhaft konstruierten Roman beginnt, sind die Motive der Erzählung von Finley, dem Ich-Erzähler bereits vollständig angelegt.
Mitten in der Wüste, "südlich von Nirgendwo", lebt der dreiundsiebzigjährige Richard Elster in einem einsam gelegenen Haus. Hierher hat er sich zurückgezogen, um über Raum und Zeit nachzudenken. Elster, ein Gelehrter, der sich jahrelang mit dem Thema Auslöschung in all seinen Varianten beschäftigt hat, diente der amerikanischen Regierung während des Irakkriegs zwei Jahre lang als geheimer Berater, er sollte ihre Kriegshandlungen mit einem intellektuellen Referenzrahmen versehen. Als seine Dienste nicht mehr gebraucht werden, zieht er sich in die Wüste zurück. Dort besucht ihn Jim Finley, ein junger Filmemacher, der Elster von seinem Filmprojekt überzeugen möchte: eine Dokumentation ganz ohne Schnitt, nur eine einzige Einstellung: ein Mann - Elster - vor einer Wand. Keine Fragen aus dem Off, keine Regieanweisung. Zwölf Tage schon diskutieren die beiden Männer, als Elsters Tochter Jessie auftaucht, eine junge Frau aus New York, die die Dynamik der ganzen Geschichte grundlegend verändert. Etwas Unfassbares geschieht, und alles Gesagte wird in Frage gestellt. Finley, der Ich-Erzähler von DeLillos Roman, agiert und reagiert empfindlich und intensiv: Sein Blick streicht wie ein Kameraauge über Elster hinweg, registriert jede Bewegung, jeden Gedanken und spürt schon an einem der ersten Abende "die hartnäckige Unruhe", die der mehr als drei Jahrzehnte ältere Mann bei einsetzender Dunkelheit in einem tiefen Schweigen zu verbergen versucht. "Im Strom von Gedanken und trüben Bildern werden wir zu uns selbst und fragen uns träge, wann wir sterben müssen", so formuliert es Elster in einem seiner zahlreichen Aphorismen. "So leben und denken wir, ob wir es wissen oder nicht." In der glühenden Urwelt der Wüste - im Nachdenken über Zeit und Raum - erlebt er Momente "meditativer Panik", eine Art "spiritueller Panik. "Stellen Sie sich mal diese Frage", sagt Elster, dessen Denken von den Theorien des jesuitischen Priesters und Anthropologen Teilhard de Chardin, von der Ahnung der tiefen, geologischen Zeit der Wüste beeinflusst ist: "Müssen wir für immer menschlich bleiben?" Und er antwortet an einer anderen Stelle: "Die Materie möchte ihre Befangenheit verlieren, das Bewusstsein ihrer selbst. Wir sind Geist und Herz, zu denen die Materie geworden ist. Es ist Zeit, das alles dichtzumachen." Essen, schlafen, schwitzen, dazu ist Elster in der Wüste, nichts tun, dasitzen, denken. Er sagt: "Zurück zu anorganischer Materie, na los. Das wollen wir. Wir wollen Steine auf dem Feld sein." Materie - bewusstlos und tot wie ein Blatt im Wind, wie der scharfe, kalte Stahl des Messers, auf das sich Elsters Denken gegen Ende des Romans zuspitzt. Leben als Sinngebung des Sinnlosen, ohne Netz und doppelten Boden? Wer weiß…

Don DeLillo, Der Omega-Punkt. Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 112 S., 16,95 EURO
Rezensiert von Dr. Markus Meik

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Madalyn von Michael Köhlmeier (Hanser Verlag)
Michael Köhlmeier gehört mit Daniel Kehlmann und Thomas Glavinic zu den jungen Autoren Österreichs, die sich unbedingt als klassische Erzähler verstehen. In seinem eher an eine Erzählung als einen Roman erinnernden Text "Madlyn" erforscht der Österreicher die Wirrnisse der ersten großen Liebe.
Die Ereignisse tragen sich im Sommer des Jahres 2009 in Wien zu, und auch dort eigentlich nur zwischen Naschmarkt, Schwedenplatz und der Urania am Donaukanal. Verlässt einer der Protagonisten doch einmal das vertraute Viertel, etwa in Richtung Donauinsel, dann droht gewiss Unheil.
Nie wieder wollte er sich in die Angelegenheiten anderer Menschen einmischen, hatte Sebastian Lukasser sich nach der Niederschrift seines letzten Romans geschworen. Das eigene Erleben so gering wie möglich zu halten, mit nichts etwas zu tun zu haben, das sich außerhalb seines Kopfes abspielte, das war sein Ziel. Weil er, der berühmte Schriftsteller aus Wien und Ich-Erzähler dieser Geschichte, im Beschreiben, nicht aber im Teilnehmen sein Glück findet. Und dann steht plötzlich Madalyn vor seiner Tür, das Mädchen mit dem dunklen Wuschelkopf aus der Wohnung unter ihm, das ihn Hals über Kopf hineinzieht in ihr kompliziertes, frühlingserwachendes Teenager-Leben.
Anfangs wehrt er sich noch - "Halt dich raus! Sei ein Egoist, du bist alt genug, du darfst!", warnen ihn seine Instinkte - doch vergebens. Sebastian Lukassers selbstverordnete Einsiedelei, an der schon seine Beziehung zu der Museumskuratorin Evelyn zerbrochen ist, wird von der Vierzehnjährigen aufgewirbelt, als habe eine Windhose den dritten Wiener Bezirk erfasst. Natürlich rettet diese Lolita ihrem Einsiedler damit das Leben, weil sie ihm die Wirklichkeit jenseits der behaglichen Altbauwohnung in der Heumühlgasse aufzwingt. Und er revanchiert sich, indem er sie, die einen Mitschüler unglücklich liebt, davon abhält, auf dem Balkon einen verzweifelten Schritt nach vorn zu tun. Was sich dazwischen ereignet, berückend schöne Momente wie auch Erschütterungen, die eine erste Liebe verlässlich bereithält, all der Zauber des Anfangs und das Zittern der Gedanken, der Größenwahn der Gefühle und das Wirbeln und Schaukeln - das alles beschreibt Michael Köhlmeier wunderbar klar, leicht und liebevoll. Wie kaum ein anderer versteht er es, die Dinge des Lebens zu schildern, ohne dabei je pathetisch oder sentimental zu werden. Dabei spinnt er seine Lügen - oder sollte man mit Odo Marquard vielleicht zurückhaltender sagen - seine "Möglichkeitswirklichkeiten" in ein Geflecht aus Wahrheiten. Was dann dazu führt, dass sich auch die Wahrheit dem Leser erst nach und nach erschließt.
Dabei gerät diese Prosa zum Lehrstück nicht nur über die Wagnisse und Gefährlichkeiten früher Liebe, sondern auch über das Schreiben an sich. Was Michael Köhlmeier literarisch seit jeher umtreibt, nämlich die Frage, aus welcher Perspektive berichtet werden soll, aus der eines allwissenden, gottähnlichen Erzählers oder eben aus der unzuverlässigen Ich-Perspektive einer Figur, geht er hier einmal mehr nach. Nie hören wir Madalyn unmittelbar sprechen, sondern stets nur durch ihren Vermittler Lukasser, der berichtet, was sie ihm zuvor erzählt hat.
Überhaupt ist hier unentwegt die Rede davon, was Literatur, dieser seltsame Drang, die Wirrnisse des Lebens in Geschichten zu ordnen und zu formen, überhaupt soll. Im besten Fall ist "Literatur ein Katalog von Präzedenzfällen", heißt es einmal, der uns zeigen und beruhigen soll, das schon andere vor uns getan und erlitten haben, was wir tun und erleiden. Auf "Madalyn" trifft das allemal zu.

Michael Köhlmeier, Madalyn. Roman. Hanser Verlag, 2010. 172 S., 17,90 Euro
Rezensiert von Dr. Markus Meik

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Das Beste, was wir hatten von Jochen Schimmang (Edition Nautilius, Hamburg)
Jochen Schimmang erzählt die Geschichte von Leo Münks, Verfassungsschützer, und Gregor Korff, Ministerberater. Ihre Köln-Bonner BRD-Welt gerät mit der Wende ins Wanken: Gregor erfährt, dass seine große Liebe, die ihn Mitte der Achtzigerjahre plötzlich verlassen hat, ein Stasi-Spitzel war; und Leo Münks wird ein Freund aus Berliner Studententagen, der ein Germania-Denkmal in die Luft sprengen will, beinahe zum Verhängnis. So stimmt uns der Klappentext auf die Lektüre ein… Schimmang, der Archivar der verschwindenden Dinge, hat einen Roman über die letzten Jahrzehnte der Bonner Republik geschrieben.
Es ist ein großer Zeit- und Gesellschaftsroman in alter Manier, eine Mentalitätsgeschichte und Chronik der Bundesrepublik. Über vier Jahrzehnte verfolgt Jochen Schimmang das Schicksal einer Gruppe von Freunden. Im Zentrum steht dabei ein Mann namens Gregor, der, ein linker Melancholiker, sich in Carl Schmitts politischer Biographie wiedererkennt und sich in der Bonner Republik bequem einrichtet. Unter Kohl macht "Dezisionismus-Korff" eine politische Karriere und gerät durch die Wiedervereinigung und die neuen Verhältnisse, die sie schafft, ganz aus dem Tritt.
1968 flieht Gregor (wie der Autor) aus der provinzseligen Bundeshauptstadt Bonn nach Berlin, um Politik und Weltrevolution zu studieren. Er macht dort, was man heute auch macht. Er studiert, trinkt und spielt mit anderen Fußball. Dabei begegnen sich dann auch die beiden Protagonisten Gregor und Leo. Ihr Ziel ist es, Frauen kennen zu lernen. Ganz Kinder ihrer Zeit bauen sie dafür den Maoismus in Westeuropa auf, gern mit radikalfeministischer Fußnote. Manche von ihren Freunden schnüffeln gar für die Stasi…Gregor und Leo haben sich gegen ihre Träume und für die Wirklichkeit entscheiden. Acht Jahre lang genießt Korff seine provisorische Freiheit im Windschatten der großen Politik. Am Feierabend kann man ja immer noch Platten sammeln, dann kann gescheitert werden, bei Rotwein und Zigarren. Doch 1989 dreht der Wind und schlägt ihm den Mantel der Geschichte ins Gesicht und um die Ohren. Und nachdem seine Affäre mit Sonja ruchbar wird, lösen sich plötzlich alle Gewissheiten auf, und der Verlust seines geliebten Borgwards ist nicht das Schlimmste, was ihm zustößt.
Kunstvoll und unaufgeregt verknüpft Schimmang reale mit erfundenen Figuren, die offizielle Geschichte der Bundesrepublik von 1963 bis 1996 mit privaten Geschichten, er wirft einen Blick zurück voller Zorn, Wehmut und Trauer, aber ohne Larmoyanz und klugem Zynismus, der hinterher vorher immer schon alles gewusst haben will. Schimmang liefert eine Skizze unserer Mentalitäten, Sehnsüchte und Irrtümer. Das treibt wilde Blüten, und wer fände die nicht schön. Schön wie in "schöne Literatur".

Jochen Schimmang, Das Beste, was wir hatten. Roman, Edition Nautilius, Hamburg 2009, 319S., 19,90 EURO.
Rezensiert von Dr. Markus Meik

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Buchempfehlung im November 2010

Zettel's Traum von Arno Schmidt (Suhrkamp-Verlag)
Vor 40 Jahren veröffentlichte Arno Schmidt sein wichtigstes Werk, Zettel's Traum: 1334 DIN-A-3-Seiten stark, über zehn Kilogramm schwer und als Faksimile vervielfältigt. Schmidts eigene Befürchtung - "Es wird sich nicht mehr setzen lassen" - hatte sich bewahrheitet. Vor dem komplexen Layout des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen kapitulierten Setzerei und Verlag.

Nun endlich erscheint Zettel's Traum, das Werk, das Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt machte, als gesetztes Buch. Jahrelange Arbeit von Setzern, Editoren und Korrektoren war nötig, um einen lesefreundlichen Schriftsatz herzustellen, ohne den Charakter des "Überbuchs" (Arno Schmidt) zu verändern und seine Eigenheiten zu glätten.

Mit dieser Ausgabe gilt es, einen Riesenroman neu zu entdecken. Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi und von Leben und Werk von Edgar Allan Poe. Er entwirft eine eigene Literaturtheorie in der Nachfolge Sigmund Freuds und entwickelt wie nebenbei eine neue Rechtschreibung, die zum Beispiel die wahren Eigenschaften eines "Pleas'-see=Rocks" enthüllt. In Zettel's Traum finden Arno Schmidts Bemühungen um eine moderne Prosaform und eine angemessene sprachliche Abbildung des menschlichen Bewusstseins ihren vorläufigen Höhepunkt.
Empfohlen von Buchhandlung Houtermans (aus der Ankündigung des Suhrkamp-Verlags)

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Buchempfehlungen im Oktober 2010

Kindheitsroman, Jugendroman, Liebesroman von Gerhard Henschel (Hoffmann & Campe)
In seinem "Liebesroman" erzählt Gerhard Henschel von den Erlebnissen des Jugendlichen Martin Schlosser, der als Schüler in der niedersächsischen Kreisstadt Meppen die große Liebe zu finden hofft und dabei vom Frühjahr 1978 bis zum Sommer 1980 durchhält, unterstützt von der Musik und von den Büchern, die er liebt, entgegen allen Widerständen, die sich ihm entgegenstellen: Matheklausuren, Gartenarbeit, Geldnot, Hamsterscheiße, Streitereien mit den Eltern und Zerwürfnisse mit der eigenen Seele. Und alles läuft auf den ersten Kuss hinaus.

Vorangegangen sind dem "Liebesroman" der "Kindheitsroman" und der "Jugendroman", in denen Martin Schlosser Auskunft über die Ereignisse in seinen jüngeren Jahren gegeben hat. Einge Stimmen:

"Den Vater im Hobbykeller kann man förmlich hören, manchmal spürt man den Geschmack von Fondue und Ananasbowle." ORF

"Wer hierüber nicht lacht, der hat auch sonst nicht viel zu lachen." Junge Welt

"So genau wie Gerhard Henschel hat dieses kleinbürgerliche Trauerspiel schon lange niemand mehr beschrieben." Deutschlandradio Kultur

"Selten hat man sich in der jüngeren deutschen Literatur so gerne mit einem tragischen Helden solidarisiert wie mit Martin Schlosser." WAZ

"Verblüffend, wie er es in seinem "Jugendroman" hinkriegt, die Ödnis in Unterhaltsamkeit zu verwandeln … Henschels Romane sind Schatzhäuser deutscher Redensarten, Phrasen und Werbesprüche … Henschel hat einen überaus feinen Sinn für Tonlagen, Töne und Sprachklischees …" taz

"ein detailliertes Sittengemälde der 70er-Jahre der Bundesrepublik" Welt am Sonntag

"O Gott, das müsste jetzt ewig so weitergehen!" Dieter Hildebrandt, Die ZEIT

"In den Geschichten des Helden Martin Schlosser spiegele sich zu 120 Prozent die eigene Kindheit und Jugend des Autors wieder, 100 Prozent biografisch und 20 Prozent in dichterischer Fantasie. Die Zuhörer wurden von Lachsalve zu Lachsalve getrieben, als der Autor Ausschnitte in der deftig-dynamischen, teils urkomischen, wortgewandten, pointierten, vom Mutterwitz lebenden, sehr mitreißenden Sprache vortrug."
Jochem Ottersbach (WP und WR)

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Buchempfehlungen im Juli 2010

Groucho & Marx. Zwei Autobiografien von Groucho Marx von Groucho Marx (Atrium)
„Er ist einzigartig in einer Weise, in der auch Picasso und Strawinsky einzigartig sind. Außerdem bringt er mich zum Lachen.“ (Woody Allen über Groucho Marx)
Das Leben von Groucho Marx war wenig konventionell, schon allein deshalb, weil er mehrere davon führte und folgerichtig auch gleich zwei Autobiografien schrieb, die nun erstmals in diesem Band versammelt sind. Groucho Marx räumt darin mit so manchem Vorurteil auf: er wurde nicht, wie oft behauptet wird, in einer kleinen Blockhütte geboren, die er Wochen zuvor mit seinem Vater errichtet hatte. Tatsache allerdings ist, dass er sehr jung zur Welt kam, und zwar in einem New Yorker Deutschenviertel, als Sohn von Vater Simon aus dem Elsass und Mutter Minnie aus Dornum in Ostfriesland.
Freizügig gibt er Auskunft über seinen Werdegang, wobei ihm die Unterhaltung seiner Leser alles bedeutet, die chronologische Ordnung von Ereignissen, Einsichten und Affären hingegen nichts. Dabei zeigt er sich trotz aller Eskapaden durchaus fähig zur Selbstkritik („Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.“), als ein Mann mit Haltung („Ich habe eiserne Prinzipien, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.“) und tiefen Einsichten zur Geschlechterfrage („Ein Mann ist so alt wie die Frau, die er fühlt.“).
Überhaupt die Frauen: Groucho Marx war dreimal verheiratet und wurde dreimal geschieden. Was ihn zu dem Schluss brachte: „Die Ehe ist eine wunderbare Institution, aber wer möchte schon in einer Institution leben?“
Groucho Marx, geboren 1890 als Julius Henry Marx, war Schauspieler, Entertainer und kreativer Kopf der Marx Brothers. Er starb 1977. Für den Fall seines Ablebens hatte er sich gewünscht, über Marilyn Monroe beerdigt zu werden und „Excuse me, I can’t stand up“ auf seinem Grabstein einzumeißeln.
Atrium Verlag 2010, 978-3-85535-506-8, 24,90 €
Groucho Marx wollte ich immer schon mal empfehlen.
Beste Grüße, M.Houtermans

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Lenin kam nur bis Lüdenscheid von Richard David Precht (List)
"Meine kleine deutsche Revolution"
Das Buch habe ich mit Begeisterung gelesen, weil es klar geschrieben ist, die Geschichte in kurzen, aber prägnanten Sätzen bewußt gemacht wird und weil ich selbst diese Zeit miterlebt habe. Es ist ein aufschlussreiches, witzig-trauriges Buch. Der Autor bewertet nicht; er berichtet lediglich subjektiv-sachlich und detailreich sein Erleben dieser Zeit.
Jutta Kramer

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Buchempfehlung im März 2010

Unser Jahrhundert – Ein Gespräch (C.H.Beck)
…Helmut Schmidt und Fritz Stern diskutieren mal im Konsens, mal im Widerspruch, und analysieren die aktuelle Lage. …
…stets geht es scharfsinnig und kurzweilig zu bei diesem außergewöhnlichen Gespräch unter Freunden. (C.H. Beck-Verlag)

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Buchempfehlung im Februar 2010

Maigret von Georges Simenon (Diogenes)
"Noch jeder, der sich mit Maigret einließ, ist süchtig geworden."
(Welt am Sonntag, Hamburg)
Gesamtausgabe in 75 Bänden
bei Diogenes
…unbedingt empfehlenswert.
Mit freundlichen Grüßen aus der Buchhandlung Houtermans

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Buchempfehlung im Januar 2010

Radio Heimat von Frank Goosen
„Woanders is auch scheiße!“
Erfrischend ehrlich, wahrhaft komisch, entwaffnend sentimental – Frank Goosens geschichtensattes Hohelied auf das, was ihm und auch uns allen Heimat ist: die liebenswerte Haut, aus der wir nicht mehr können.
Wo sonst auf der Welt wird die fröhliche Begrüßung „Ey, Jupp, du altes Arschloch!“ als freundschaftliche und ehrerbietig empfunden? Nirgends, nur entlang der A 40, im Herzen der schönsten deutschen Provinz, die zwar nicht wirklich viel Gegend hat, dafür aber jede Menge skurrile, herzliche, raue, gnadenlos ehrliche Ureinwohner. Denn „es geht um die Menschen“, und von diesen Menschen erzählt Frank Goosen in seinem ganz besonderen, sehr persönlichen Ton. Er fördert Kindheitserinnerungen an Omma und Oppa (die im Bochumer Rathaus wohnten und stadtbekannt waren) zutage, er durchstreift mit Mücke, Pommes und Spüli die Untiefen einer Jugend, er steht an der Seltersbude auf ein Bierchen, leidet und jubelt mit den Fans im Stadion, durchkämmt Schrebergärten und Zechen, Industriebrachen und Einkaufszentren.
„Südlich von Hattingen ist für mich Tirol, nördlich von Recklinghausen Dänemark, östlich von Unna beginnt für mich Sibirien und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und alle fallen ins Urmeer.“
Eichborn Verlag, 168 Seiten, 14,95 €
aus der Verlagsankündigung, gefunden von M.Houtermans

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Buchempfehlungen im Dezember 2009

Der Poesiepfad - Das Buch (LGA)
"Die Welt muss poetisieret werden."
Zu diesem Programm des romantischen Dichters Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte, versucht dieses Bändchen einen Beitrag zu leisten. Es enthält eine Auswahl der Gedichte, die zwischen 2005 und 2008 auf dem Arnsberger Poesiepfad ausgehängt worden sind. Dabei spiegelt sich im Rumbecker Mühlbachtal in ganz unterschiedlicher Weise eine frühbürgerliche Natursehnsucht in ihren spätbürgerlichen Erscheinungsformen. Die Natur, speziell der Wald, erweist sich dabei oft als idealer Rückzugsort vor der Dauerhektik und dem grauen Gerinnsel des normalen Alltags.
Die Textauswahl ist ausgesprochen disparat und reicht von Chamisso, Goethe, Eichendorff, Heine, Brecht und Ulla Hahn bis hin zu jugendlichen und erwachsenen Teilnehmern an von der Literarischen Gesellschaft Arnsberg durchgeführten Workshops. Die Kapitelfolge orientiert sich an der Abfolge der Jahreszeiten, die auch nach wie vor den Rhythmus vorgeben, in dem jeweils neue Gedichte ausgehängt werden.
Diese Mischung aus Literatur und Landschaft bietet Eskapismus im besten Sinne des Wortes und weitet den Horizont. Wir wollen uns mit diesem Büchlein auch von einer Art der Gedichtlektüre verabschieden, die uns in Schüler verwandelt, so als hätten wir eine Prüfung, gar ein Abitur vor uns. Wir gehen davon aus, dass es die einzig richtige Art, ein Gedicht zu lesen, nicht gibt. So viele Köpfe, so viele Lesarten, eine richtiger als die andere.
Die Druckerei F.W. Becker hat den Band mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Es ist so ein Gedichtband entstanden, der alle Sinne anspricht und es jedem Leser ermöglicht, "ein Leser seiner selbst" (Marcel Proust) zu sein.
"Der Poesiepfad - Das Buch", Literarische Gesellschaft Arnsberg, F.W. Becker-Druck, gebunden, 16,-€ , ISBN: 978-3-930264-79-7
rezensiert von Dr. Markus Meik
Weitere Details finden Sie hier

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"Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens (Dressler)
Was könnte (nicht nur) zur Weihnachtszeit wichtiger sein als auf Menschen zuzugehen, sich für Mitgefühl zu öffnen und anderen etwas von Herzen zu geben? Es ist in keinem Alter zu spät das Leben in andere Bahnen zu lenken. - Der ehemals geizige Ebenezer Scrooge schafft dies mithilfe dreier Geister, die ihm am Beispiel des Weihnachtsfestes vor Augen führen was es bedeuten kann menschliche Anteilnahme zu zeigen. Er gewinnt dadurch Freunde und Familie und es gelingt ihm ein besserer Mensch zu werden.
rezensiert von Stefan Wolf (Buchhandlung Houtermans)

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Wunschlos (un)glücklich: "Das Leben der Wünsche" von Thomas Glavinic
Was wäre, wenn wir wunschlos glücklich wären? Geht nicht? Geht doch! Stellen Sie sich vor, Ihre geheimsten Wünsche würden wahr. Die innersten, dunklen Wünsche, von denen Sie selbst bisher nichts ahnten. So ergeht es Jonas, dem ein Unbekannter eines Tages ein unerhörtes Angebot macht: "Ich erfülle Ihnen drei Wünsche." Der Ehemann, Vater, Werbetexter und leidenschaftliche außereheliche Liebhaber lässt sich auf das Spiel ein. Bis seine Frau eines Abends tot in der Badewanne liegt. Weiß die Nacht etwa mehr von Jonas' Wünschen als er selbst? So steht es auf dem Klappentext des Romans "Das Leben der Wünsche". Thomas Glavinic erzählt die Geschichte eines ganz normalen Mittdreißigers, der genau das bekommt, was er sich wünscht. Und noch ein bisschen mehr...
Vom unheimlichen Eigenleben dieser Wünsche, die aus dem Verborgenen und Verschwiegenen, den dunkelsten, unbewussten Tiefen eines Charakters ans Licht treten und dort existentiellen Schrecken verströmen, erzählt Thomas Glavinic in seinem siebten Roman, der sich, wie jeder gute Roman, auf mehreren Ebenen lesen lässt. Wir können ihn als Liebesroman (und somit auch als Glaubensbekenntnis) verstehen, er nimmt uns mit auf einen Horrortrip - und das aus nächster Nähe. Glavinic zeigt uns einen Mann, der sich selbst schon lange fremd geworden ist und der verzweifelt versucht, mit sich ins Reine zu kommen, Klarheit und Ruhe zu finden. Dabei ist Jonas - zweifelnder Ehemann von Helen, hingebungsvoller Vater von Tom und Chris, leidenschaftlicher Geliebter von Marie und unmotivierter Angestellter einer Werbeagentur - ein ganz normaler, netter Typ, ein Jedermann mit Charisma, der so lebt, fühlt und denkt, wie man das mit fünfunddreißig Jahren eben so macht. Dabei ist er noch jung genug, um verstehen zu wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält, um hartnäckig vom Leben einen Sinn zu fordern. Und um Angst zu haben, dass es diesen Sinn nicht gibt. Jonas befürchtet, dass wir in "einer Art Computersimulation" leben, dass unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit falsch sind und dass Gott dem Menschen ähnlicher ist, als wir uns das ausmalen können. Anders gesagt: Jonas ist ein Existentialist reinsten Wassers. Aber als sein Sohn ihn fragt: "Papi, bist du echt?", ist die Antwort aufrichtig: "Ja, Tom, ich bin echt." Dass Jonas sich da so sicher sein kann, liegt an Marie, der Frau, die ihn seine Ehe mit Helen als ungenügend erkennen lässt und die er doch nicht ganz für sich haben kann. Denn Marie ist ebenfalls verheiratet und Mutter eines Sohnes. Für Spannung ist also gesorgt.
Die Geschichte erzählt Glavinic in einem eigenen Ton, nüchtern und bei allem Bitterernst auch nonchalant, ein Ton, der das Bizarre nicht nur als real, sondern auch als normal begreift. Ohne die geringste Veränderung in seinem "lakonischen Sprach- und Erzählgestus" geht der Roman Schritt für Schritt ins Surrealistische über - und der Leser folgt bereitwillig.
Jonas will Spuren hinterlassen. Dabei ist er Unbekannter. Glavinic-Lesern ist Jonas aus "Die Arbeit der Nacht" (2006) als letzter Mensch auf Erden in bester, erschauernder Erinnerung. Diesmal wird sein Handy für ihn eine Art Nabelschnur, eine letzte Verbindung zur Realität der anderen. Jonas, nicht von ungefähr ein Namensvetter jenes Propheten, der sich Gottes Auftrag widersetzte und auf seiner Flucht übers Meer von einem großen Fisch verschluckt wurde, ist auserwählt und verdammt zugleich: "Er hatte das Gefühl, ein Fremdling auf Erden zu sein, jemand, der nicht zu den Menschen gehörte, die ihn umgaben." Als er das Handy erst immer häufiger verliert und am Ende sogar wegwirft, ist die lässige Geste ebenso alarmierend wie der Satz: "Er war zufrieden mit dem, was er war und was er hatte." Liegt vielleicht die einzige Möglichkeit, fatale Entwicklungen aufzuhalten, in der Wunschlosigkeit?
Thomas Glavinic: "Das Leben der Wünsche". Roman. Hanser Verlag, München 2009. 319 S., gebunden, 21,50€
rezensiert von Dr. Markus Meik

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(Über)Leben in der Provinz: "Grenzgang" von Stephan Thome
Spektakulär unspektakulär muss ein Roman sein, der dennoch viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Stephan Thomes Roman erzählt die schlichte Geschichte von der zweiten Liebe eines Mannes und einer Frau, beide mittleren Alters, irgendwo in der nordhessischen Provinz. Und in der Tat lässt uns "Grenzgang" teilhaben an einer alltäglichen Geschichte, die gerade in ihrer Banalität einen Einblick in die Mentalitätengeschichte des ausgehenden 20.Jahrhunderts gibt. Der Klappentext kündigt das so an: "Alle sieben Tage steht Bergenstadt kopf. Man feiert Grenzgang, das traditionelle dreitägige Volksfest, und dabei werden nicht nur die Gemeindegrenzen abgeschritten. Auch abends im Festzelt wird ausprobiert, wie weit man gehen kann. Alle sind dabei, nur zwei stehen am Rand: Thomas Weidmann und Kerstin Werner."
Stephan Thome nimmt uns in "Grenzgang" mit in die Gedanken und Gefühlswelten seiner Figuren, vornehmlich der beiden zentralen Personen Kerstin Werner und Thomas Weidmann: sie geschiedene Mutter eines 16-Jährigen, die nebenbei ganztägig ihre geistig verwirrte Mutter betreuen muss; er alleinstehender Gymnasiallehrer mit gescheiterter akademischer Karriere, worüber er nie wirklich hinweggekommen ist. Die Träume der Helden liegen viele Jahre zurück. Längst hat die Provinz den Ausreißer Thomas zurückerobert, der inzwischen am Gymnasium von Bergenstadt unterrichtet und sich allmählich in das Klischee des alleinstehenden Studienrats verwandelt. Kerstin ist auf andere Weise in dem hessischen Nest gestrandet. In Köln studierte sie einst Tanzpädagogik und hatte große Pläne. Ein eigenes Tanzstudio wollte sie eröffnen. Doch dann nahm sie Ende der achtziger Jahre eine Freundin mit zu einem Fest, das in Bergenstadt alle sieben Jahre gefeiert wird. Und alle sieben Jahre, so sagt man, ändert sich der Mensch. Anitas Warnung, während des dreitägigen "Grenzgangs" sei der Ort wie ausgewechselt, schlägt die junge Fremde in den Wind… Und so leben sie nun dort.
Der Grundton dieses Romans scheint auf den ersten Blick eher pessimistisch. Die Protagonisten tragen schwer an ihrem Provinzleben, das die Selbsttäuschung nicht zulässt, weil es über den Alltag zwischen Schule, Marktplatz und Bürgerhaus nicht hinausweist, keine Zerstreuung bietet und als Fluchtpunkt nur die gestutzte Hecke des Nachbargartens und die wenigen Straßen kennt, die hier seit jeher und für immer zu existieren scheinen. Das Leben dort ist langweilig, abschreckend kleinbürgerlich, also stinknormal. Abwechslung bringt jedes siebte Jahr der "Grenzgang", ein Fest, das auf ein Brauchtum aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht. Beim "Grenzgang" verteidigt und festigt die Dorfgemeinschaft ihre Ortsgrenzen gegen die Nachbargemeinden. Und als "Grenzgang", schwankend auf "dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie", lässt sich Liebe sicher auch verstehen. Aber "Grenzgang" ist mehr als nur die Geschichte einer Liebe mit Hindernissen. Der Roman entwirft ein Zeitbild der vergangenen zwei Jahrzehnte. Die beiden Hauptfiguren sind geradezu typische Vertreter einer ganzen Generation: der gut ausgebildeten, in Wohlstand und mit Chart-Musik groß gewordenen Kinder der Sechziger Jahre. Studenten-WGs, Seitensprünge, Bindungsangst, Internetbekanntschaften, Provinzfeste, Pärchenclubs - es gibt reichlich Situationen, die der Autor nutzt, um seine Figuren auf die Probe zu stellen. Und im Jahr 2006 findet auch noch die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland statt…Bilder einer deutschen Sittengeschichte, die zugleich Auskunft über geänderte Mentalitäten geben. Die stille Generation nach Studentenrevolte und sexueller Revolution, über die heute noch "Spiegel" und "Zeit" lamentieren, weshalb es ihnen nur so schwer falle, ihren Platz in Politik und Gesellschaft zu finden. Thomes Figuren konsultieren zwar keine Psychiater und konsumieren keine Psychopharmaka außer Schlaftabletten, doch kämpfen auch sie mit der "Krankheit der Verantwortung", die der französische Soziologe Alain Ehrenberg unlängst bei unserer Eigeninitiative fordernden Gesellschaft diagnostiziert hat.
Dem Roman setzt mit einer Gartenszene ein und suggeriert so eine Idylle, das literarische Urbild einer heilen Welt. Von Anfang an aber spürt man Unbehagen und Zweifel. Es könnte alles so harmonisch sein, erscheint den zweifelnden Figuren aber bestenfalls "trotz allem wie ein Traum". Das erinnert an Goethes großen Roman "Die Wahlverwandtschaften", von dem sich "Grenzgang" aber dadurch unterscheidet, dass Thome den Mut hat, seine Familien-geschichte einigermaßen glimpflich enden zu lassen. Der Autor beschreibt das Unsensationelle, die Gefühlsroutinen, die daraus erwachsene emotionale Enge, das ganze bescheidene Leben mit den kleinen Höhepunkten und Zäsuren als Suche nach Glück. Und er bescheinigt seinen Figuren, im Hier und Jetzt angekommen zu sein.
Stephan Thome: "Grenzgang". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 453 S., gebunden, 22,80 €.
rezensiert von Dr. Markus Meik

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Jenseits von Eden: "Jenseitsnovelle" von Matthias Politycki
Der in Arnsberg durch verschiedene Lesungen bekannte Autor Matthias Politycki hat nach seinem Schelmenroman "In 180 Tagen um die Welt" ein neues Werk veröffentlicht. "Jenseitsnovelle" heißt der schmale Band - und der hat es in sich. Was sich zunächst wie die Beschreibung eines Lebensabends mit Goldrand ausnimmt, genügt mehr und mehr Goethes bekannter Definition einer Novelle, in deren Mitte eine "unerhörte Begebenheit" zu stehen habe.
"Eine mitreißende Liebesgeschichte - und ihr schlimmster Albtraum zugleich." So lesen wir es auf dem Einband. Der Klappentext stellt uns die folgende vor: "Hinrich Schepp, Anfang Sechzig, betritt eines Morgens sein Arbeitszimmer. Die Sonne durchflutet den großen Raum; es ist Herbst, und die Farben leuchten. Am Schreibtisch sitzt mit dem Rücken zu ihm seine Frau Doro und liest. Und wieder einmal wird ihm bewusst, wie glücklich er eigentlich ist. Leise geht er durch das Zimmer auf seine Frau zu. Doch als er sich zu ihr beugen will, um sie zu küssen, überkommt ihn die Gewißheit, daß irgendetwas nicht stimmt. Doro ist tot."
Nun könnte man nach diesem Einstieg vermuten, die Geschichte sei zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen habe. Weit gefehlt! Schepp findet zwar seine Frau eines Morgens tot am Schreibtisch und der unerwartete Tod schockiert ihn und versetzt ihn in einen tranceartigen Trauerzustand. Er findet eine Art schriftliches Vermächtnis, das seine Frau ihm hinterlassen hat. Auf diese Weise kommt eine lang' verborgene Wahrheit ans Licht. Das scheinbar korrekte Bild seiner Ehe mit Doro zerfällt nach ihrem plötzlichen Tod in viele Einzelteile, die den Leser verwirren und vielfältige Assoziationen wecken.
Soviel sei verraten: Hinrich Schepp ist unter die Sehenden geraten, er hat sich auf Rat seines Arztes die Augen lasern lassen. Nach Jahrzehnten starker Kurzsichtigkeit möchte er nun endlich auch den Frauen und ihrer grandiosen Unbegreiflichkeit auf den Grund kommen. Umso mehr, als er in seiner Stammkneipe eine verführerische Schönheit an der Bar beobachtet, die - für einen Schepp entsetzlich verwerflich und glücksverheißend zugleich - von ihrer Begleiterin erst geküßt, dann sogar in den Hals gebissen wird. Sein Leben gerät endgültig in Schieflage, als ebenjene Frau wenig später in seiner Kneipe wieder auftaucht - als Bedienung. Aber was hat das alles mit den Notizen seiner Frau Doro zu tun, die er eines Morgens auf dem Schreibtisch findet? Und was mit dem dunklen kalten See, in den die frisch Verstorbenen laut Doro alle hineinmüssen, um darin ein zweites Mal zu sterben?
Matthias Polyticki scheut vor keinem makaberen Detail zurück. Der Stil wechselt zwischen weihevoller und bürgerlicher Wohlanständigkeit und der Lebensgier eines ausgehungerten Fauns - ähnlich dem berühmten Professor Unrat aus Heinrich Manns ebenso berühmten Roman, den wir in der Figur des Hinrich Schepp wiedererkennen können. Wie ist er wirklich, der sich hinter dem verborgenen Schein eines Wesens versteckte, das seine Frau zu durchschauen glaubte? Ausgeburten von Fantasien beschreiben Szenen, in denen man sich den Professor durchaus als ausschweifenden Lüstling vorstellen kann. Er ist verklemmt, umständlich und erscheint als Sonderling. Mit 65 Jahren scheint er vor den Scherben seines vermeintlichen Glücks zu stehen.
Matthias Politycki, Jenseitsnovelle, Novelle, Hoffmann und Campe, 128 Seiten, gebunden, 15.95€
rezensiert von Dr. Markus Meik

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Tod vor laufender Kamera: "Der stumme Tod" von Volker Kutscher
Im Roman "Der stumme Tod" entfaltet der Autor Volker Kutscher auf 542 Seiten das Bild einer flimmernden, sich im Umbruch befindenden Stadt: es ist das Berlin des Jahres 1930. Der Leser durchstreift zusammen mit dem jungen Kommissar Gereon Rath bekannte und weniger bekannte Plätze und Straßen der Metropole. Er ist auf der Suche nach einem Mörder.
Wir lernen das Milieu der Filmstudios, der Regisseure und ihrer Helden, der Schauspieler kennen. Hier spielt sich ein unerbittlicher Kampf zweier Kino-Welten ab: der zwischen dem aufkommenden Tonfilm und dem Stummfilm, der um seine Existenz kämpfen muss.
Der Fall, aus dem schnell mehrere Fälle werden, ist die erste Bewährungsprobe des Rheinländers Gereon Rath an seinem neuen Arbeitsplatz in Berlin. Die gutgemeinten Ratschläge seines Vaters, eines erfolgreichen, aber bereits pensionierten Kriminalrats aus Köln sind dabei ebenso wenig hilfreich wie die ruppige Art seines Chefs, des Oberkommissars Böhm.
Der absolut lesenswerte Roman bedient gleich mehrere Lesergruppen: natürlich ist es ein Kriminalroman mit den für dieses Genre üblichen Abläufen. Es ist aber auch historischer Roman über eine Stadt, in der die sich anbahnende Niederlage der Weimarer Republik und das Herannahen der nationalsozialistischen Horden zu spüren sind. Und es ist auch ein psychologisch feinsinniger Großstadtroman über das Überleben in der Fremde, im Taumel der Massen.
Volker Kutscher "Der stumme Tod", Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2009
rezensiert von Diethard Rekate

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Buchempfehlungen im November 2009

Unser allerbestes Jahr von David Gilmour
Ein Buch, das Spaß auf mehr macht, ist für mich eine wahre Vater - Sohn - Geschichte, die David Gilmour geschrieben hat. Inhaltlich geht es darum, wie ein Vater seinen Sohn aus dessen Lethargie zieht, indem er dem lustlosen Heranwachsenden erlaubt, die Schule zu verlassen, wenn er mit ihm mehrere Filme pro Woche anschaut. Schöner Nebeneffekt ist, dass der Autor des Buches auch für sich dabei neue Lebensperspektiven entwickelt.
Das Buch trägt aber insbesondere dazu bei, dass man als Leser selber ausgesprochen große Lust verspürt, sich die besprochenen Filme erstmals oder einmal wieder anzuschauen, die zugrunde liegenden Bücher zu lesen und sich ausführlich mit den Autoren und auch den Filmemachern zu beschäftigen.
Ob Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", John Steinbecks "Jenseits von Eden", Marios Puzos "Der Pate" oder endlich mal die Filmversion von Goethes "Faust" mit Gustav Gründgens: die Film- und Lesebegeisterung ist bei uns zu Hause ausgebrochen. Da freut man sich schon beinahe auf einen langen Winter mit viel Muße für ausgiebige Leseabende.
rezensiert von Karin Hahn

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Buchempfehlungen im Oktober 2009

Unendlicher Spaß von David Forster Wallace, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
Vorweg: Die deutsche Übersetzung (von Ulrich Blumenbach) liegt seit September 2009 vor und die Kritik ist sich mal dahingehend einig, dass die Übertragung es dem Leser so leicht wie es nur eben geht macht.
Leicht? Nun ja…
Infinite Jest, so der amerikanische Titel, erschien ursprünglich 1996 und erst jetzt fand das Hauptwerk des Autors den Weg in die deutschen Buchgeschäfte. Sechs Jahre brauchte der Übersetzer für die Übersetzung, sechs Jahre für ein Buch - und am Ende (so berichtete der Spiegel) wollte Blumenbach den Autor treffen und "mit einem Kniefall" das Werk überreichen. Doch dazu kam es dann nicht mehr.
Unendlicher Spaß ist ein unbequemes, ein gar unhandliches Buch. Als Bettlektüre kaum zu empfehlen - schon aus Gründen des bloßen Umgangs eignet es sich nicht als Bettgeselle. Und es ist ein Organismus, der volle Aufmerksamkeit verlangt. Oberflächliches Lesen wird sofort mit Verständnisentzug bestraft und das Buch knallt die Lesetüren zu. Aber: Es hat nichts divenhaftes an sich, es ist ein Leseabenteuer par excellence. Und wie die meisten Abenteuer endet es irgendwie mit einer Veränderung des Lesers.
Worum geht es? Keine Ahnung!
Was will uns der Autor sagen? Um Gottes Willen - allein schon diese Frage!
Unendlicher Spaß, so nannte J. Incandenza seinen Film, der Menschen, die ihn anschauen, so in den Bann zieht, dass sie nicht mehr in der Lage sind sich von ihm zu lösen und dabei verhungern und verdursten. Sein Sohn Hal, ein Tenniswunderkind mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten studiert an der Enfield Tennis Academy, die von seinem Vater gegründet wurde. Hier, sowie im nahegelegenen Ennet-House, einem Entziehungsheim für Drogenabhängige, spielt ein Teil der Handlung, die jeden literarischen Kosmos sprengt - in einem leicht in die Zukunft versetzten Amerika, das mit Kanada und Mexiko die "Organisation der nordamerikanischen Nationen" bildet und von radikalen Separatisten in Kanada bekämpft wird.
Dieses Buch ist anders, sowohl sprachlich als auch formal erzählerisch. Dieses Buch ist eine Herausforderung! Vielleicht ist es der Ulysses dieser (kleinlaut: meiner) Generation. David Forster Wallace, Jahrgang 1962, starb am 12. September 2008 infolge eines Suizids. Bereits mit 17 Jahren erkrankte er an einer Depression, die ihn bis zuletzt kaum zärtlich und in grausamer Treue begleitete. Als er nach über zwanzig Jahren "sein Psychopharmaka" absetzte, fielen, wie es Churchill nannte, seine "schwarzen Hunde" über ihn her.
Literatur, sagt David Forster Wallace, muss ausloten, was es bedeutet "to be a fucking human being".
Und darum geht es immer. Die Frage nach dem "Was, bitteschön, soll das alles?"
Und große Literatur, sagt Wallace, mache einen überhaupt weniger einsam auf der Welt "intellectualy, emotionally, spiritually".
rezensiert von Martin Püttschneider

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Buchempfehlungen im September 2009

Liebe Literaturfreunde,
"Das Orangenmädchen" von Jostein Gaarder
ist nicht neu, aber lesenswert.
empfohlen von Ute Meist

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Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen.
Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Reinhard Kaiser. Endlich neu oder wieder zu entdecken:
„Die Übersetzung von Grimmelshausens „Simplicissimus“ vom Deutschen ins Deutsche ist gewiss eines der kühnsten Unternehmen, das vielleicht nur Reinhard Kaiser wagen konnte, der als Lektor, als Übersetzer, als Autor der „Anderen Bibliothek“ seit den Gründerjahren verbunden ist. Er stellte eines Tages fest, dass die Barock-Sprache dieses Romans von unseren Zeitgenossen kaum mehr zu lesen ist (und darum auch nicht gelesen wird); dass es folglich an der Zeit ist, das gewaltige Werk von der Patina zu befreien, die es nahezu unkenntlich machte, und in das Deutsche unserer Tage zu übertragen, kurz: dieses Volksbuch dem Volke zurückzugeben. Das verlangte eine stilistische und textkritische Sensibilität, die Reinhard Kaiser als Übersetzer von gut siebzig Büchern aus dem Englischen trainiert hat. Dank seines Elans dürfen wir nun den Roman (wieder-) entdecken, von dem Thomas Mann gesagt hat, er sei „ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt … kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du“. Die Debatte über das Wagnis wird heftig, der Beifall am Ende stürmisch sein – Grimmelshausen angemessen, der sich vor genau 333 Jahren von dieser Welt verabschiedet hat.“ (Klaus Harpprecht, Mitherausgeber der „Anderen Bibliothek“).
Wir empfehlen besonders die wunderschöne, wohlfeile Ausgabe der „Anderen Bibliothek“, ca. 800 Seiten, 2 Bände im farbig bedruckten Schuber mit goldgeprägtem Seidenmoiréeinband und Kopfschnitt in einzelnen Schlaufen aus Büttenkarton, Fadenheftung und Lesebändchen für 69,00 €; es gibt auch eine einbändige „Erfolgsausgabe“ für 49,95 €, beide Ausgaben im Eichborn Verlag.
rezensiert von Buchhandlung Houtermans

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Der Psalmenstreit von Maarten t'Hart
Im Jahre 1773 wurde in der Reformierten Kirche der Niederlande ein neugereimter Psalter eingeführt, wenig später auch eine neue Singweise mit kürzeren Tönen. Das löste eine beispiellose Protestwelle aus, die Maarten t'Hart anhand der Geschehnisse in seiner Heimatstadt Maassluis in einem Tatsachenroman schildert.
Bis dahin hatte man die Reimpsalmen von Petrus Dathenus gesungen, eine Übertragung des französischen (Genfer) Psalters ins Niederländische. Abgesehen von sprachlichen Unzulänglichkeiten hatte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Singweise entwickelt, die an Langatmigkeit kaum zu überbieten war. Zitat: "Jede Note so lange wie möglich singen und wiederkäuen, wie ein Stück Schwarte, und mit Pralltrillern oder monumentalen mordente ausschmücken. Ein einzelner Psalmvers, der beinahe eine Viertelstunde dauert…".
Eigentlich hätte es die Gemeinde begrüßen müssen, endlich wieder musikalischer und nach verständlichen Texten singen zu dürfen, doch es kommt anders. Aus anfänglich verhältnismäßig harmlosen Störungen der Gottesdienste entwickelt sich immer mehr Hass, werden immer wüstere Bedrohungen hinaus geschrieen, die schließlich in brutale Gewalt gegen Menschen und ihr Eigentum münden. Der Leser ahnt schon bald, dass die wahren Gründe woanders liegen, denn die Protestierenden, die die alte Singweise zurück haben wollen, sind zunächst einfache Fischer, Netzflickerinnen, Heringspacker, Tagelöhner, denen sich zunehmend arme Menschen ohne Arbeit anschließen. Aus einem religiösen Streit entwickeln sich soziale Unruhen gegen die Obrigkeit und alle Bessergestellten. Vor dem Hintergrund dieses Geschehens wird die Lebensgeschichte des musikliebenden Reeders Roemer Stroombreker erzählt, der auf Geheiß seiner Mutter zwar eine reiche Erbin mit gewaltigen Körpermaßen und dem Geruch nach verwesendem Heilbutt heiratet und damit der größte und reichste Reeder seines Dorfes, aber nicht glücklich wird. Sein ganzes Leben lang liebt er eine Frau, die aufgrund ihrer Herkunft für eine Heirat nicht in Frage kommt. Lange will er nicht wahrhaben, dass sein unehelicher Sohn, der aus dieser Verbindung hervorgeht, zu den Rädelsführern gehört. Es ist erschreckend, wie leicht Menschen sich in religiösen Streitfragen gegenseitig zu eskalierende r Gewalt aufstacheln können, und wie selbstverständlich sie für sich in Anspruch nehmen, den wahren Willen Gottes zu kennen und zu befolgen.
Ein faszinierendes und fesselndes Buch, das Einblick in geschichtliche Hintergründe und menschliche Abgründe gewährt.
Maarten t'Hart: Der Psalmenstreit, Verlag Piper, ISBN 978-3-492-25288-1, € 9,95
rezensiert von Beate Ullrich

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Buchempfehlung im August 2009

Ein feiner Herr und ein armer Hund von Adriaan van Dis (erschienen bei Hanser)
Mulder, ein feiner Herr, wird eines Tages mit Problemen der Obdachlosen und Bettler, der Illegalen und der Flüchtlinge aus Afrika konfrontiert. Etwas tun- aber was? Helfen aus Güte, oder um sein Gewissen zu beruhigen.
Ein Roman über Paris, die „größte afrikanische Stadt außerhalb Afrikas“ (lt. Autor); autobiographische Züge. Das Buch regt dazu an nachzudenken: Mitgefühl und Verständnis für Minderheiten, solange mein eigenes Leben nicht unmittelbar davon berührt wird.
rezensiert von Ursula Hoppe (Buchhandlung Houtermans)

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Buchempfehlung im Juli 2009

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao von Junot Díaz
Junot Diaz erschafft eine Hauptfigur, die zugleich liebenswert und abstoßend wirkt und erzählt auf eine erfrischende, freche Art und Weise dessen Leben und das seiner Familie. Der (europäische) Leser wird in eine Welt entführt, die ihm fremd erscheint und doch so lebendig dargestellt wird, dass er das Leben in diesen fremden Kulturen erahnen kann. Es entsteht ein Gefühl dafür, warum Oscar Wao so lebt wie er lebt. Welche Umstände ihn dazu machten, was er ist. Nichtsdestotrotz möchte man gerne hin und wieder eingreifen, ihn anstoßen etwas zu ändern. Es wäre doch so einfach! Aber warum er das nicht tut und was für ein Sinn dann doch hinter diesem scheinbar nutzlosen Leben steht, das ist das Erhellende am Ende dieses Buches!
rezensiert von Sonja Vieth (Buchhandlung Houtermans)
Kurzbeschreibung:
Eine Familie zwischen den Welten und zwischen den Zeiten: Junot Díaz erzählt von dem liebenswürdigen Nerd Oscar und seiner toughen Schwester Lola. Beide sind in New Jersey groß geworden, aber ihre Wurzeln liegen in der Karibik. Und dorthin verschlägt es sie immer wieder, wenn das Leben ihr mühsam zusammengekratztes Glück gerade wieder einmal wegwischt. Hier finden sie im Haus der Großtante Zuflucht - genauso wie ihre Mutter vor vielen Jahren, von deren düsterer Vergangenheit sie allerdings nichts ahnen. Dabei wirkt die Vergangenheit wie ein Fluch. In einem letzten, verzweifelten Akt riskiert Oscar eines Tages alles für sein Glück. Den Fluch zu bannen wird sein letztes Abenteuer.
Über den Autor:
Junot Díaz wurde 1968 in der Dominikanischen Republik geboren und kam als Kind in die Vereinigten Staaten. Er lebt in New York. Bereits sein Erzählungsband "Abtauchen" wurde hymnisch gefeiert und mit dem PEN/Malamud-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet. Für "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" erhielt Junot Díaz 2008 den Pulitzer-Preis.

Eine ausführliche Rezension finden Sie bei "Zeit-Online"

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Buchempfehlung im Mai 2009

Der geglückte Augenblick oder die Kunst des Scheiterns
Anmerkungen zu Wilhelm Genazinos Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten"

"Das Glück am Glück ist seine Aufschiebbarkeit" - dieser Satz aus Genazionos Roman "Das Glück in glücksfernen Zeiten" kann als programmatisch für das Leben des Protagonisten Gerhard Warlich genommen werden. Dem fehlt zum "wahren" Leben mindestens ein Buchstabe - wahrscheinlich mehr. Aber der Lebenskompromiss als Prinzip scheint passend für einen, der über Heidegger promoviert hat und der jetzt mangels besserer Alternativen in einer Großwäscherei Karriere macht. Eigentlich geht es dem Helden gut, er verfügt über ein geregeltes Einkommen und ist mit der Leiterin einer Sparkassenfiliale namens Traudel liiert. Dabei gelingen Genazino beim Eintauchen in die traute Zweisamkeit Sexszenen, die jeder Erotik spotten. Nicht gerade der Stoff, aus dem die Träume sind, aber immerhin...
Dieser Gerhard Warlich ist eine tragisch-melancholische Figur, die in einer Art gelassenen Heiterkeit leise leidet, ein Flaneur, ausgestattet mit interesselosem Wohlgefallen und kindlicher Naivität. In seinem Alltag geschieht nicht allzu viel, Beobachtungen und Reflexionen nehmen den größten Platz in seinem Leben ein, Wahrlich ist ein erinnerungssüchtiger Weltvermeider, "thatenarm und gedankenvoll", um es mit Hölderlin zu sagen, der sich in seinem Alltag eingerichtet hat und dennoch plötzlich in Nöte kommt, die sein gewohntes Verhaltensrepertoire übersteigen. Rilkes Motiv "Du musst Dein Leben ändern" taucht zwar bereits zu Beginn des Romans auf, entfaltet Wirksamkeit aber erst, nachdem die Lebensgefährtin den Helden mit einem Kinderwunsch konfrontiert. Genazino wäre nicht Genazino, würde er auf die vermeintlichen Anforderungen und die erwarteten Belastungen der Intimität nicht einen äußerst unkonventionellen Ausweg finden: Gerhard Warlich flüchtet in eine psychatrische Klinik. Und der Schluss des Romans lautet: "Eine Art Glück durchzittert mich. Offenbar kann ich, trotz allem, immer noch wählen, wie ich in Zukunft leben will."
Wilhelm Genazino ist ein Erzähler, der die Unwägbarkeiten des (Gefühls) Lebens in einem lässig-ironischen Duktus so beschreibt, dass für ein rigides moralisches Argumentieren kein Platz mehr zu sein scheint. Sein Ich-Erzähler ist ein Leidender, ohne Frage, doch einer, der weiß, dass er auf hohem Niveau klagt.
Der Autor verknüpft sprachliche Eleganz, feine Beobachtung und subtile Komik, die die Zumutungen der Gegenwart mit dem Bedürfnis konfrontieren, sich das Heft des Lebens nicht gänzlich aus der Hand nehmen zu lassen. Dies schließt die Möglichkeit des Scheiterns nachdrücklich ein. "Scheitern" als Alltagserfahrung ist zum einen banal und mag deshalb (literarisch) als wertlos erscheinen - aber es greift gleichzeitig tief in menschliche Empfindungen ein, verstärkt Schuldgefühle, Scham, Peinlichkeit und Melancholie oder ruft diese Gefühl erst hervor. Das Banale wird so auch bedeutsam. Diese Nobilitierung des Scheiterns entlastet den Leser in einer Zeit, in der Jugendlichkeit, Gesundheit und Topmodels zu Ikonen geworden sind. Die Skizze einer Gegenwelt, zu der auch Vorläufigkeit, Improvisation und Scheitern gehören, die auch ein emotionales Versagen einschließt, vermag zu entspannen. Genazino zeigt, wie man auch im normalen Hier und Jetzt nicht mehr funktionieren muss, indem man sich zurückzieht, tarnt und so nicht nur die eigene Lebensperspektive ver-rückt. In diesem Roman leuchtet auch der "geglückte Augenblick" auf, die Möglichkeit, auch in fragmentarisierten oder banalen Welten sein Leben in Alternativen denken zu können. - und seien sie auch "irre". An manchen Stellen erinnert das "Glück in glücksfernen Zeiten" an den Roman "Einer flog übers Kuckucksnest - wenn auch mit einer völlig anderen Pointe. Auch darauf hätte sich Genazinos Apercu über den Roman ebenso übertragen lassen wie auf dieses Buch:
"Der Roman überlebt, weil er ein Begleitmedium des Lebens selber ist."
rezensiert von Dr. Markus Meik

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